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Philosophie und Abstraktion im Dokumentarfilm haben im 20. Jahrhundert eine filmische Kunstform hervorgebracht: den Essayfilm. Spätestens seit Chris Markers bahnbrechendem SANS SOLEIL versuchen Kritiker und Filmwissenschaftler*innen ein Phänomen zu beschreiben, das mit Hilfe traditioneller Gattungs- und Genregrenzen kaum zu fassen ist. „Der Essayfilm ist eine andere Art des Denkens: Denken in oder mit Bildern. Aber weil es sich um Film handelt, ist es ein Denken, das sich in Emotion verwandelt und von dort wieder zurück in einen Gedanken.“ Essayfilme gibt es von Sergei ... mehr

Film

Meisterwerk, Nouvelle Vague, Rasiermesser, Diverse

Toby Ashraf über Funeral Parade of Roses

Im Kino hat das Publikum keine Möglichkeit, das Bild anzuhalten. Keine Pause, kein Standbild. So rasen die 105 magischen Minuten, die Toshio Matsumotos FUNERAL PARADE OF ROSES sind, viel zu schnell an uns vorbei. „Stop!“ will man rufen, „Zeig das nochmal!“. Fast als hätte sich Matsumoto das selbst gedacht, wiederholen sich einige seiner Bilder. Sieben nackte Körper vor weißem Hintergrund zum Beispiel: von hinten gefilmt, eine weiße Rose steckt in Po Nummer sechs. Eine Blumenvase, die verlangsamt zu Boden fällt. Eine Frau, aus deren Hüfte Blut spritzt.

Japan, 1969: Unter ... mehr

Film

Reste von Sanftmut

Tom Dorow über Dogman

In Matteo Garrones Filmen, vor allem in GOMORRHA (2008) und jetzt DOGMAN, wirken urbane Landschaften wie riesige Schlachtschiffe, die nach einem verlorenen Krieg an sumpfige Küsten gespült wurden. In einer der dunkelsten Ecken dieses Stadt-Schiffes arbeitet der Hundefriseur Marcello (Marcello Fonte), ein kleiner, unterwürfig freundlicher Typ, der nebenbei mit Kokain handelt, um sich Tauchausflüge mit seiner Tochter aus einer geschiedenen Ehe leisten zu können. Sein bester Kunde ist der brutale Simone, ein Kampfhund in Menschengestalt, der auf seiner ultrafetten Aprilia-Rennmaschine durch ... mehr

Film

Telefon-Thriller

Harald Mühlbeyer über The Guilty

Plötzlich ein Anruf: Eine Frau, offenbar in Todesangst, eingesperrt in einem Transporter. Mit dem Entführer neben sich gibt sie vor, mit ihren Kindern zu reden, doch tatsächlich hat sie Asger Holm, Polizist mit Dienst in der Notrufzentrale, in der Leitung. Und der muss reagieren.Gustav Möller gelingt es in seinem Regiedebüt THE GUILTY scheinbar mühelos, aus wenigen Versatzstücken – ein Polizist, ein Telefon- eine ungeheuer spannende Situation zu schaffen und eine Kriminalgeschichte zu entwickeln, die sich aufbaut aus den Telefonaten, die Asgar mit zunehmender Dringlichkeit führt. ... mehr

Film

Besetzen und selbstverwalten

Tom Dorow über A Fábrica de Nada

Eine Fabrik wird stillgelegt, die Belegschaft besetzt den Laden und will weiter produzieren. Das wäre vor ein paar Jahren noch eine hoffnungsfrohe Geschichte gewesen, wie in Naomi Kleins THE TAKE (2004). Inzwischen sind auch die Paradebeispiele der Selbstverwaltung in Ostdeutschland pleite gegangen, die älteren selbstverwalteten Firmen in Westdeutschland wursteln teilweise weiter, seit langem an die Selbstausbeutung gewöhnt. A FÁBRICA DE NADA ist portugiesischer Diskurspop, den man sich ansehen sollte, wenn man darüber reden will, wie wir jetzt weitermachen. Der Film dauert 3 Stunden. ... mehr

Film

Aufräumen mit einem Idol

Tom Dorow über Die Legende vom hässlichen König

Der türkisch-kurdisch-zazaische Filmregisseur und Schauspieler Yilmaz Güney war ein linkes Idol und, nachdem sein mitreißender Film YOL 1982 die Goldenen Palme in Cannes gewonnen hatte, auch beim deutschen Publikum erfolgreich. Güney hatte in der Türkei, die damals von einem Militärregime regiert wurde, im Gefängnis gesessen, war geflohen und lebte als politisch Verfolgter in Paris im Exil. Güney war auch das Idol von Hüseyin Tabak, der in Wien seinen Abschlussfilm bei Michael Haneke vorbereitete, ein Porträt über Yilmaz Güney. Je tiefer Tabak in seinen umfangreichen Recherchen in ... mehr

Film

Moderne Sklaverei

Christian Klose über A Woman Captured

In Ungarn traf die Regisseurin Bernadett Tuza-Ritter Eta eine ungewöhnlich große Frau, die damit prahlte, dass sie im eigenen Haushalt nichts machen müsse, weil sie Angestellte für alles hätte. Tuza-Ritter bekam die Erlaubnis, im Haushalt zu filmen und traf so auf Marish, die dort seit zehn Jahren als Haushaltshilfe dient. Wenn man Marish das erste Mal sieht, wacht sie gerade auf. Sie schläft auf dem Sofa, das Handy fest in der Hand und wirkt auf den ersten Blick wie eine liebe Oma. Sie lächelt Bernadett an, macht den Kindern das Essen und füttert die Gänse. Marish ist aber erst 53. ... mehr

Film

Nicht nur für Problem-Familien

Hendrike Bake über Elternschule

Es wird viel geweint und geschrien in ELTERNSCHULE. In der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen landen die ganz harten Fälle. Kinder, die jeden Tag 11 Stunden schreien, die nicht mehr essen mögen, die unter psychosomatischen Hautkrankheiten leiden, oder die zur Gefahr für ihre Geschwister werden. Mit ihnen in der Klinik landen Eltern am Rande des Nervenzusammenbruchs, die vor Erschöpfung und Sorge nicht mehr aus noch ein wissen. Dietmar Langer und sein Team behandeln beide. Sie betreuen die Kinder medizinisch, gewöhnen sie wieder an regelmäßige Essens- und Schlafenszeiten, bringen ... mehr

Film

Verloren zusammen

Michael Meyns über Die defekte Katze

Sie sieht schon reichlich wild aus, die Katze, die Titelfigur von Susan Gordanshekans Debütfilm ist. Ein Gendefekt hat dafür gesorgt, dass das Tier zwei unterschiedliche Augenfarben hat, was man natürlich als Metapher für die Zerrissenheit verstehen darf, an der die menschlichen Protagonisten dieses fein erzählten Dramas kranken, vor allem die Iranerin Mina (Pegah Ferydoni), die nach Deutschland kommt, um ihren Landsmann Kian (Hadi Khanjanpour) zu heiraten. Es ist keine Liebesheirat, sondern eine arrangierte Ehe, die Kian, der als Arzt schon seit längerem in der Fremde lebt, endlich mit ... mehr

Veranstaltungen

HORROCTOBER

In Moabit freut man sich ganz besonders auf Halloween und hat deshalb fast das gesamte Monatsprogramm darauf ausgerichtet. Bei den Kindern vom Bahnhofskino wird es ungewohnt kultiviert: In drei alten Hammer-Studios-Schinken (1958, `72 und `73) stehen sich Christopher Lee und Peter Cushing als Graf Dracula und Professor Van Helsing Zahn gegen Pfahl gegenüber. Im weiteren Programm gibt es zwei bildgewaltige Gruselklassiker über Vater-Kind-Beziehungen in verwinkelten Orten, von 35mm und mit Originalton: Kubricks THE SHINING (1980) und Roegs DON’T LOOK NOW (WENN DIE ... mehr

Indiekino Magazin

Interviews

Filme heute