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Die Frau mit der Kamera

Beobachterin im Hintergrund

Die Fotografin Abisag Tüllmann (1935–1996) gehört zu den bekanntesten Fotografinnen ihrer Zeit. Der sehr persönliche Dokumentarfilm von Claudia von Alemann erzählt von Tüllmanns Leben, das von den späten Kriegsjahren und der jungen BRD geprägt wurde, und stellt ihr Werk in über 500 Aufnahmen in den Mittelpunkt.

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Drei Tage nach ihrem Tod, nur zwei Wochen vor ihrem 61. Geburtstag, betreten Claudia von Alemann und ihr Kameramann im September 1996 die kleine Wohnung Abisag Tüllmanns. Die Aufnahmen, die sie machen, vermitteln auch zwanzig Jahre später noch den Eindruck, die Bewohnerinnen sei inmitten ihrer hochkonzentrierten Arbeit aufgebrochen, vielleicht um nur einmal kurz einkaufen zu gehen, den Kopf noch voll mit wichtigeren Dingen. Auf Tischen, Stühlen und Sesseln stapeln sich Papierberge, überall liegen Abzüge, Dias und Bücher herum. Der Blick aus dem Fenster fällt auf die bedrückend wirkenden Hochhaustürme Frankfurts.

Tüllmann gehört zu den bekanntesten Fotografinnen ihrer Zeit, ihre Arbeiten werden unter anderem in der FAZ, der Frankfurter Rundschau, der Frankfurter Neuen Presse, dem Stern, dem Spiegel und der Zeit veröffentlicht. Die Filmemacherin Alemann erzählt in ihrem dokumentarischen Filmessay nicht nur von Tüllmanns Leben und Werk, das von den späten Kriegsjahren und dem politisch-zeitgeschichtlichen Hintergrund der BRD geprägt wird, sondern auch von ihrer lebenslangen Freundschaft zur Protagonistin. Sie selbst nennt das Spurensuche, für die sie die wichtigsten Lebensstationen Tüllmanns aufsucht und Kolleginnen und Kollegen trifft, die immer auch eine enge und lange freundschaftliche Beziehung zu der Fotografin pflegten. Filmausschnitte aus Werken des Neuen Deutschen Films illustrieren das künstlerische Umfeld und die gemeinsame Arbeit der Fotografin Tüllmann und der Filmemacherin Alemann an einer neuen Bildästhetik.

Doch im Mittelpunkt stehen über 500 Bilder der Fotografin, fast alle schwarz-weiß; eindringlich, ausdrucksstark, aber niemals prätentiös. Sie sei eine genaue Beobachterin gewesen, erzählen ihre Kolleginnen, die sich immer im Hintergrund gehalten habe. Das Motiv, der Moment und der Ausschnitt sind das Entscheidende. Auch Alemann hält sich an diese Vorgabe und präsentiert die fotografischen Werke wie die Kuratorin einer Ausstellung, auch sie hält sich ansonsten im Hintergrund, kommentiert sparsam aber präzise. Das passt zu Tüllmanns Auftreten und Wesen. Nur der musikalischen Begleitung des Komponisten José Luis de Delás gesteht sie einen zusätzlichen Kommentar zu.

Alemanns Film erzählt durch Tüllmanns Lebenswerk von den Studentenbewegungen und den Häuserkämpfen in Frankfurt am Main, Ende der sechziger Jahre, vom Algerienkrieg und der Black-Panther-Bewegung in den USA, von den Minenarbeitern und der Apartheit in Südafrika und dem Leben in Israel, das die Enkelin eines jüdischen Tuchhändlers im Zuge ihrer zahlreichen Reisen immer wieder besuchte. Ihre sensiblen Fotografien von Obdachlosen oder die kraftvollen Theaterfotografien zeigen die sozialen und künstlerischen Facetten, denen sich die Bildjournalistin widmete.

Eine Nebenbeschäftigung, gar ein nettes Hobby, schreibt Tüllmann schon früh in einem Brief, könne die Fotografie für sie niemals sein. Sie widmete ihrer Leidenschaft ihr Leben. Davon zeugt der überwältige Nachlass im Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz und im Deutschen Theatermuseum München mit mehr als 600.000 Negativen und 70.000 Abzügen.

Jens Mayer

Details

Originaltitel: Die Frau mit der Kamera – Porträt der Fotografin Abisag Tüllmann
Deutschland 2015, 92 min
Genre: Biografie, Dokumentarfilm
Regie: Claudia von Alemann
Drehbuch: Claudia von Alemann
Kamera: Rolf Coulanges, Verena Vargas Koch, Peter Zach
Schnitt: Angelika Levi, Oscar Loeser
Musik: José Luis de Delás, Bernd Keul
Verleih: Film Kino Text
Darsteller: Jean-Luc Godard, Abisag Tüllmann
FSK: oA
Kinostart: 23.06.2016

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