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Mishima: Ein Leben in vier Kapiteln

Paul Schraders Chronik des turbulenten Lebens des japanischen Autors, Künstlers und Provokateurs und Faschisten Yukio Mishima.

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Mishima
Kunst, Aktion, Faschismus
Paul Schraders Chronik des turbulenten Lebens des japanischen Autors, Künstlers und Provokateurs Yukio Mishima kam 1985 ins Kino. Obwohl Mishima dutzende Erfolgsromane geschrieben hat, wurde sein Ruhm als Autor von seiner überlebensgroßen Persönlichkeit überschattet: Was als ein privates Dogma von exzessiver Askese und körperlicher Perfektion begann, verschaffte ihm schließlich eine kultische Gefolgschaft von Jüngern, die ihn bei einer Reihe von immer extremer werdenden öffentlichen Aktionen unterstützten.
So problematisch der Versuch, Mishimas Kunst von seinem Leben zu trennen, auch sein mag –Schrader stürzt sich kopfüber in seine Untersuchung der Kunst und des Künstlers. In seinem Regiekommentar zur ersten DVD-Veröffentlichung schrieb er, er habe bei Mishima „die gleiche Pathologie des suizidalen Ruhms“ gesehen, die sich bei Travis Bickle, seinem fiktionalen Antihelden aus TAXI DRIVER findet. Ken Ogata, der Darsteller des titelgebenden Mishima, geht mit seinem Porträt dieser umstrittenen Persönlichkeit vielleicht ein noch größeres Risiko ein. Angeblich soll der ursprünglich für die Rolle vorgesehene Schauspieler Ken Takahura sich aus der Produktion zurückgezogen haben, nachdem rechtsextreme Gruppen Druck auf ihn ausgeübt hatten. Ogata nimmt sich der Rolle – die Mishima in ein immer strengeres Regime der Disziplin und Entbehrung führt, während er zunehmend didaktischere und kriegerischere Reden hält – mit einzigartiger Konzentration und Intensität an.
Der Film ist in vier Abschnitte mit den Titeln „Schönheit“, „Kunst“, „Aktion“ und „Harmonie von Feder und Schwert“ unterteilt. Jeder Abschnitt nutzt mehrere Perspektiven, unter anderem in Schwarzweiß gefilmte Rückblenden und Dramatisierungen dreier Romane Mishimas, die in Pastel und grellen Neontönen gefilmt sind. Die Gegenüberstellung dieser gegensätzlichen Farbpaletten versieht das oftmals grimmige Thema des Films mit einem Hauch von Ungezwungenheit, und der hypnotische Soundtrack von Philipp Glass, der oft auch leise unter den Dialogen weiter läuft, ergänzt die kaleidoskopische Wucht des Films. Auch die Idee der Kadrierung setzt Schrader thematisch brilliant ein: In mehreren Rückblenden sucht Mishima nach der perfekten Einstellung für Selbstporträts und arrangiert Fotografen und Kameraleute, bis die perfekte Aufnahme erreicht ist. Durch die absichtlich bühnenhaften Hintergründe, die an die gemalten Welten des Kabuki-Theaters erinnern, stellen auch die Inszenierungen der Romane eine Art Meta-Rahmen dar. Viele sind von oben gefilmt, während Charaktere zwischen dünnen Wänden umher schreiten, außerhalb derer nur Dunkelheit liegt. Statt vom Thema abzulenken, würdigen diese Momente, in denen der Film sich quasi gegen die vierte Wand presst, den kreativen Prozesses, und sie illustrieren effektvoll den Konflikt zwischen Kunst und Aktion.
Der Film greift extreme und gelegentlich gewalttätige Themen auf, aber Schrader setzt vor allem auf implizierte als explizite Gewalt und verzichtet auf eindeutige Brutalität zugunsten eines poetischeren Ansatzes. MISHIMA ist bekanntermaßen nie in Japan veröffentlicht worden, denn der Autor bleibt in seinem Heimatland eine extrem umstrittene Figur. Dass Schrader das erotische Leben und Schreiben Mishimas in den Film aufnahm, machte den Film in Japan toxisch und ließ vor allem rechtsextreme Gruppen Gift spucken, die jede Andeutung von homosexuellen Neigungen ablehnten.
Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung ist eine Geschichte über einen Künstler, dessen Streben nach Individualismus ihn mehr und mehr von der Gesellschaft isoliert, heute zeitgemäßer denn je, vor allem angesichts der Leichtigkeit, mit denen extreme Rhetorik ein globales Publikum erreichen kann. Wann überschreitet eine asketische Praxis mit faschistischen Anklängen die Schwelle zu tatsächlichem Faschismus? Kann das Streben nach grenzenloser Freiheit in noch größerer Unterdrückung enden? Die große Leistung von MISHIMA ist die Fähigkeit des Films, diese Fragen durch verschiedene Linsen zu beleuchten – Biografie, Fantasie, Geschichte, Fiktion und Erinnerung – auf eine Weise, die unterschiedliche Wahrheiten zu Wort kommen lässt, ohne einer von ihnen das volle Vertrauen zu schenken.
John Peck , Übersetzung: Tom Dorow

John Peck (Cinematic Berlin)

Details

Originaltitel: Mishima: A Life in four Chapters
USA/Japan 1985, 120 min
Sprache: Japanisch
Genre: Drama, Biografie
Regie: Paul Schrader
Drehbuch: Paul Schrader, Leonard Schrader
Kamera: John Bailey
Schnitt: Michael Chandler, Tomoyo Oshima
Musik: Philip Glass
Verleih: rapid eye movies
Darsteller: Ken Ogata, Masayuki Shionoya, Gô Rijû, Kyûzô Kobayashi
Kinostart: 28.11.2019

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