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"Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen"

Konstruktionen von Geschichte

Radu Judes jüngster Film unternimmt es, den rumänischen Geschichtsrevisionismus zu bekämpfen und gleichzeitig die Grenzen künstlerischen Engagements auszumessen.

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Radu Judes jüngster Film ist ein ambitioniertes Projekt – ein Film, der den rumänischen Geschichtsrevisionismus bekämpfen und gleichzeitig die Grenzen künstlerischen Engagements ausmessen will. Der Titel ist ein Zitat des faschistischen Diktators Ion Antonescu, mit dem dieser 1941 das Massaker an bessarabischen Juden und Jüdinnen in Odessa kommentierte. Unter Aufsicht der SS wurden hier von rumänischen Truppen in wenigen Tagen über 30.000 Menschen zusammengetrieben und hingerichtet, mit einer Präzision und Eilfertigkeit, die selbst die oberste Naziriege beeindruckte. Bis zu Antonescus Sturz 1944 waren unter seinem Regime schätzungsweise 280.000 Menschen jüdischen Glaubens und 11.000 Roma ermordet worden.
Wie vielerorts wird dieser dunkle Teil der nationalen Geschichte jedoch gerne zugunsten versöhnlicherer Narrative der Unterdrückung durch fremde Besatzer oder des heroischen Unabhängigkeitskampfes verdrängt. Und hier setzt Radu Judes Film an: In einem Reenactment mit Laienschauspieler*innen sollen die Eroberung von Odessa und die Deportation der ansässigen Juden und Jüdinnen in das kollektive Gedächtnis zurückgeholt werden. Die Form des Reenactments macht deutlich, dass Geschichte nichts Gegebenes ist, sondern dass sie immer nach-erzählt wird. Darüber hinaus baut Jude aber noch eine weitere Verfremdungsebene ein, indem er seine eigene Filmproduktion fiktionalisiert. MIR IST EGAL, WENN WIR ALS BARBAREN IN DIE GESCHICHTE EINGEHEN behandelt auch die Probleme einer Regisseurin (gespielt von Ioana Iacob), ein kritisches Kunstwerk zu schaffen, ohne sich von der staatlichen Zensur und dem Unverständnis der Bevölkerung korrumpieren zu lassen. Diese Pole von Kritik, Zensur und Ignoranz werden in Dialogen gegeneinander ausgespielt, die auf ermüdende Weise mit Referenzen und Zitaten gespickt sind. Die volle Wirkmacht von Judes innovativer Erzählweise entfaltet sich erst gegen Ende des Films.

Yorick Berta

Details

Originaltitel: "Mi este indiferent daca în istorie vom intra ca barbar"
Rumänien/ Deutschland/ Tschechische Republik/ Bulgarien/ Frankreich 2018, 140 min
Sprache: Rumänisch
Genre: Drama
Regie: Radu Jude
Drehbuch: Radu Jude
Kamera: Marius Panduru
Schnitt: Cătălin Cristutiu
Verleih: Grandfilm
Darsteller: Ioana Iacob, Alexandru Dabija, Alex Bogdan
Kinostart: 30.05.2019

Demnächst

30.5., fsk-Kino: Premiere mit Regsisseur Radu Jude

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