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Heil

Unter Nipstern

Furiose Satire über rechte Netzwerke, staatliche Verharmlosung und gesellschaftliche Ignoranz. Zentrum der Handlung ist Prittwitz ein winziges Kaff in Ostdeutschland. Hier plant der Chef einer rechten Splittergruppe den Einmarsch in Polen, während der Verfassungsschutz fleißig V-Männer rekrutiert und die Eliten in Talkshows Genderfragen debattieren.

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Eine verlassene Dorfstraße mit Plattenbau. Ein Asia-Büdchen im Hintergrund. Eine alte Frau rollt mit ihrem Rollator von rechts hinten heran. Ein Nazi läuft rechts vorne ins Bild und bringt ein Graffitti an. Was er schreibt sieht man nicht, nur, dass er sich dabei sehr konzentrieren muss, offenbar eine Lese-Rechtschreibschwäche. Die Asia-Verkäuferin fragt „Soll das ein ganzer Satz werden?“ Johnny hetzt seinen Boxer auf sie. Als die beiden aus dem Bild verschwunden sind, taucht von rechts ein Reporter auf und vervollständigt das Graffitti. Dann filmt er es und spricht dazu ein: „Wohin man kommt, dasselbe traurige Bild. Hakenkreuze, Nazischmierereien.“ Die alte Dame rollt näher…

HEIL von Dietrich Brüggemann ist sehr schnell, sehr albern und sehr wütend. Zentrum der Handlung ist Prittwitz, ein winziges Kaff im Dreiländereck Brandenburg, Sachsen und Thüringen (!). Hier schmiedet der Chef der rechten Splittergruppe DNP, Sven Stanislawski (Benno Fürmann) mit seinen tumben Adjutanten Pläne um die großbürgerliche Hamburger Konkurrenz auszustechen. Das Trio entführt Sebastian, den dunkelhäutigen Autoren des Buches „Das braungebrannte Land“ und macht ihn zum gehirngewaschenen Sprachrohr für seine rassistischen Parolen, außerdem plant Stanislawski, in Polen einzumarschieren – im Wesentlichen, um die militante Nazibraut Doreen für sich zu gewinnen. Auch noch da, aber nicht weiter im Weg sind: ein Polizeiapparat, der Nazis nicht einmal sieht, wenn sie vor seiner Nase stehen, der Typ von der Presse, immer auf der Jagd nach einer persönlichen Nazistory, die üblichen Talkshowgäste, vollständig mit sich selbst und Genderfragen beschäftigt, eine sich selbst blockierende ultra-paranoide Antifa und die freundlichen älteren Herren vom Verfassungsschutz, die mit allen und jedem im Kontakt stehen aber nur sehr schlechten Internet-Zugang haben.
Der einzige, der sich Kowalski ernsthaft in den Weg stellt ist Dorfpolizist Sascha (Oliver Bröcker), ein aufrechter Demokrat, der verfassungsfeindliche Symbole einsammelt, wo er sie findet, aber von den Chefs nur Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommt. Einmal wird er Zeuge, wie Sebastian (der Autor) versucht, aus K Stanislawskis Haus zu flüchten und von den Nazis wieder zurück gezerrt wird. Sascha will hinterher. Sein Chef: „Sie können da doch jetzt ohne Durchsuchungsbefehl nicht einfach so rein gehen!“ Als Sascha trotzdem reingeht, wird er in den Verkehrsdienst versetzt. Zusammen mit Sebastians hochschwangerer Freundin Nina und dessen Ex – der resoluten Stella Gustafsson mit kölschem Dialekt und ghanaischen Wurzeln - macht er sich privat auf die Suche nach dem Autor.

Brüggemann ist ein furchtloser und vielseitiger Komiker. Das gesamte Personal von HEIL ist dumm wie Brot. Kein Witz ist zu blöd, als dass er nicht gemacht werden könnte, sei es der von den Nazi- „Nipstern“ mit Jutebeuteln, der vom schwulen Kampfhund oder der vom Intendanten der in Bayreuth endlich „echte Nazis“ auf der Bühne sehen will. Gut platzierte One-Liner – „Normalbenzin gibt es ja auch nicht mehr, das sehe ich auch als ein Symptom für ein Land, das nicht normal sein will“ – und konsequent durchgezogene Running Gags geben sich die Klinke in die Hand. Fast schon dadaistischer Unsinn tummelt sich neben brachialem Slapstick. Brüggemann scheint jedem absurden Gedankengang, der ihm so durch den Kopf geht, nachzugehen. Der Plot, wenn man ihn denn so nennen will, franst entsprechend in alle Richtungen aus, zugleich ist HEIL ein fantastisch montiertes Gesamtwerk, das sein hohes Tempo nicht nur durchhält, sondern steigert und souverän mit ständigen Rhythmuswechseln hantiert.

Erstaunlich eigentlich, dass seit Bekanntwerden der NSU-Verbrechen vier Jahre vergehen mussten, bis sich ein Regisseur des Themas rechter Netzwerke, staatlicher Verharmlosung und gesellschaftlicher Ignoranz angenommen hat. Brüggemann gießt die ganze aufgestaute Wut über die idiotischen rechten Dumpfbacken aller Gesellschaftsschichten in ein tiefschwarzes deutsches Panorama. Wieder und wieder ignorieren alle Beteiligten hartnäckig, was sich direkt vor ihrer Nase abspielt. Nazis schießen einen pakistanischen Kiosk zusammen? Die Polizei macht erstmal einen Alkoholtest mit den Inhabern. Nazis schlagen eine schwangere Frau zusammen? „Das sagen sie alle“ meint der Staatsanwalt. Nazis klauen einen Panzer aus der Kaserne? „Das wüsste ich“, meint der diensthabende Offizier. In der ständigen Wiederholung wird das zum Running Gag, der jedesmal einen bittereren Nachgeschmack hinterlässt.

Für seine furiose Satire konnte Brüggemann nicht nur die Créme de la Créme deutscher Schauspieler, sondern auch zahlreiche Prominente aus Kultur und Film in Gastrollen gewinnen: den Musiker Heinz-Rudolf Kunze, den Journalisten Dietrich Kuhlbrodt, den Berlinale-Kurator Alfred Holighaus. Da sitzt dann Andreas Dresen in der Kantine vom Verfassungsschutz, Brüggemann sitzt selbst (gespielt von Tom Lass) in der Talkrunde und der Kinobetreiber Matthias Elwardt moderiert ein Publikumsgespräch. Die vielen Cameo-Auftritte haben einen perfiden Effekt: Man kennt die ganzen Nasen.

Hendrike Bake

Details

Deutschland 2015, 90 min
Genre: Satire
Regie: Dietrich Brüggemann
Drehbuch: Dietrich Brüggemann
Kamera: Alexander Sass
Schnitt: Vincent Assmann
Musik: Dietrich Brüggemann
Verleih: X-Verleih
Darsteller: Benno Fürmann, Liv Lisa Fries, Jerry Hoffmann, Jacob Matschenz, Daniel Zillmann, Oliver Bröcker, Thelma Buabeng
FSK: 12
Kinostart: 16.07.2015

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