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Body

Zwischen Plattenbau und Geisterglauben

Seit dem Tod der Mutter leben der ausgebrannte Untersuchungsrichter Janusz und seine Teenager-Tochter Olga feindselig nebeneinander her. Janusz säuft, Olga hungert, das Zimmer der Mutter bleibt verschlossen. Eine sehr seltsame Spiritstin verspricht Heilung.

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Untersuchungsrichter Janusz fährt zum Tatort. Der Scheibenwischer quietscht. Es nieselt. Ein Mann hat sich erhängt, an einem Baum am Ufer der Weichsel. Die Indizien sind bereits nummeriert, der Fotograf fotografiert. „Schneidet ihn ab“ weist Janusz müde seine Leute an. Ein Kollege klettert auf die Leiter und schneidet das Seil durch. Niemand macht sich die Mühe, die Leiche aufzufangen, die auf den Boden plumpst und dort einfach so liegenbleibt. Noch mehr Fotos. Die Polizisten beraten, ob sie den Toten ausziehen müssen, oder das der Gerichtsmedizin überlassen können. Im Hintergrund erhebt sich der vermeintlich Tote und macht sich davon. Niemand folgt ihm.

Alle Szenen in Małgorzata Szumowskas BODY, der im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale lief, sind so: lakonisch und auf den Punkt. Verregnet, amüsant und überragend getimt. Damit erinnert BODY ein wenig an die lakonischen Komödien von Aki Kaurismäki, an die bizarren existentialistischen „set-pieces“ von Roy Andersson (EINE TAUBE SITZT AUF EINEM ZWEIG UND DENKT ÜBER DAS LEBEN NACH) und irgendwie auch an Jacques Tati oder sogar Wes Anderson mit ihren exakten Kadrierungen und Bewegungen innerhalb der Bilder – ist dann aber auch wieder völlig anders.

BODY sieht aus wie ein gutes naturalistisches Sozialdrama, von Mike Leigh etwa oder Ken Loach, das einfach hier und da ein bisschen zugespitzt wurde, bis hinter der schnöden Realität die Absurdität des Ganzen hervorschaut. Gedreht wurde überwiegend bei natürlichem Licht, es gibt keine filmischen Gimmicks, keine rasanten Schnitte, schrägen Perspektiven, drastischen Farben oder Kontraste. Orte der Handlung sind eine verwohnte Etagenwohnung, ein Hochhauskomplex und ein Krankenhaus in Warschau. Alle schön grau in grau. Ebenso trübe sind die Lebensumstände der Hauptpersonen: Seit dem Tod der Mutter leben der ausgebrannte Untersuchungsrichter Janusz und seine Teenager-Tochter Olga feindselig nebeneinander her. Janusz säuft, Olga hungert, das Zimmer der Mutter bleibt verschlossen. Wie schlecht es seiner Tochter eigentlich geht, bekommt Janusz erst mit, als Olga Tabletten schluckt und er sie wie eine seiner Berufsleichen im Badezimmer vorfindet. Er schleppt Olga ins Krankenhaus und bittet den Chefarzt, sie dazubehalten. Olga kommt in die Therapiegruppe von Anna, einer äußerst eigenwilligen Therapeutin, die im Outfit einer bibeltreuen Christin Schreitherapie macht, sich privat eine riesige Dogge hält und im Nebenjob als Medium arbeitet. Spiritismus-Kunden findet sie, in dem sie die Angehörigen frisch Verstorbener anspricht. Und sie ist auch hinter Olga und Janusz her.

Spätestens mit dem Auftreten von Anna nähert sich das Sozialdrama endgültig der Groteske an, aber Szumowska schafft es durchweg, die Balance zwischen Absurdität und Empathie zu halten. Die Regisseurin mag sichtlich alle ihre Personen. Auch Anna - Dogge, Strickjäckchen und die verstörende Unerschütterlichkeit der Spiritistin hin oder her - wird als reale, dreidimensionale und verletzliche Person spürbar. Ebenso Janusz, der sich müde und beduselt von der Aufarbeitung eines schäbigen Verbrechens zum nächsten schleppt und Olga, die ihren Vater mit Vehemenz hasst und dabei doch vor allem traurig und alleine ist. Ihnen allen wünscht man, während man noch über sie kichert, auch von Herzen Erlösung, ob nun durch Therapie oder Kontakt mit der Totenwelt, spielt am Ende fast keine Rolle mehr.

Die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska liebt die Ambivalenz. Ihr letzter Film IM NAMEN DES… erzählte in den betörend sonnendurchfluteten Bildern einer ländlichen Idylle von den Selbstzweifeln eines Priesters, der seine Sexualität unterdrückt, von Missbrauch, Grausamkeit, Mobbing und dem Terror einer engen Gemeinschaft. Unentwegt und etwas verstörend oszillierte IM NAMEN DES… zwischen Alptraum-Szenario und erotischer Fantasie. In BODY sind die Pole des Szumowka‘schen Gefühlsuniversums nun Tragik und Heiterkeit, die Banalität des Alleinseins und die Absurdität des Kampfes dagegen, Psychologie und Geisterglauben. Virtuos schwebt BODY in der Mitte und hält sich bis zum Schluss, übrigens einem der schönsten Filmenden der Filmgeschichte, alle Optionen offen.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: Ciało
Polen 2015, 90 min
Sprache: Polnisch
Regie: Małgorzata Szumowska
Drehbuch: Małgorzata Szumowska, Michał Englert
Kamera: Michał Englert
Schnitt: Jacek Drosio
Musik: Design Kacper Habisiak, Marcin Kasiński
Verleih: Peripher Filmverleih
Darsteller: Janusz Gajos, Maja Ostaszewska, Justyna Suwała, Adam Woronowicz
Kinostart: 29.10.2015

Vorführungen

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