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Filmkritik

Hip Hop zwischen den Fronten

Jens Mayer über Junction 48

Wer kennt schon Lod oder – wie es bis 1948 genannt wurde – Lydda? Für Kareem (Tamer Nafar) ist die verarmte Stadt, gerade einmal 20 Kilometer von Tel Aviv entfernt, die Erfahrungswelt, aus der er die Geschichten für seine Rap-Texte zieht. Ansonsten fristet er ein Leben als Slacker mit Job im Callcenter, der zwar noch zu Hause bei den Eltern wohnt, sich aber möglichst von deren politischem Engagement zu distanzieren versucht. Stattdessen träumen er und seine Crew vom Leben als Hip Hop-Stars nach US-amerikanischem Vorbild, die sich aus den ideologischen Grabenkämpfen zwischen Arabern ... mehr

Filmkritik

Visionäre Fotografen

Hendrike Bake über Shot in the Dark

SHOT IN THE DARK porträtiert zwei Fotografen und eine Fotografin, die neben ihren außergewöhnlichen Arbeiten eines verbindet: Sie sind blind. Bevor wir ihren Bildern begegnen und nach und nach mehr über ihre Geschichten erfahren, sehen wir den Dreien bei der Arbeit zu. Minutiös vermisst Pete Eckert die Räume, die er später fotografieren wird, sei es eine Straße, eine Kirche, eine Küche oder eine Waldlichtung. Er nutzt dafür seinen Blindenstock, seinen Körper, das Echo und den Lichteinfall und besucht einen Ort wieder und wieder, bis er sich über den physischen Kontakt ein genaues ... mehr

Filmkritik

Trauma und Alltag

Hendrike Bake über Manchester by the Sea

Noch kennt kaum jemand in Deutschland den Namen Kenneth Lonergan. Das wird sich mit MANCHESTER BY THE SEA ändern. Lonergan, der hauptberuflich als Bühnenschriftsteller arbeitet, begann seine Filmkarriere mit dem Drehbuch zu REINE NERVENSACHE (ANALYZE THIS, 1999). Mit YOU CAN COUNT ON ME (2000) drehte er wenig später seinen ersten eigenen Film, und für seine Mitarbeit am Drehbuch von Scorseses GANGS OF NEW YORK erhielt er 2001 einen Oscar. Es folgte das Mammutprojekt MARGARET (2011), ein gigantischer finanzieller Flop, der sechs Jahre und vier Schnittfassungen brauchte und dann nur in ... mehr

Filmkritik

Bibelzitate gegen die Welt

Christian Klose über Der die Zeichen liest

Benjamins Mutter versteht ihren Sohn nicht mehr. Anstatt dass der Teenager sich mit Drogen abschießt oder zwanghaft masturbiert, liest er nur noch in der Bibel. Nun will er nicht mehr zum Schwimmunterricht, weil er die Mitschülerinnen im Bikini nicht erträgt, zieht sich im Biologieunterricht nackt aus und sagt, dass er sich um sie sorgt, weil sie sich von seinem Vater hat scheiden lassen. Zu jeder Gelegenheit hat er das passende Bibelzitat zur Hand. Kein Wunder, dass er keine Freunde hat. Sie hat doch, weiß Gott, mit ihren drei Jobs genug zu tun, aber die Schule weiß auch nicht weiter. ... mehr

Filmkritik

Baustelle der Mega-City

Tom Dorow über Diamond Island

Das kambodschanische Dorf, aus dem der junge Bora und sein Freund Dy in die Haupstadt Phnom Penh aufbrechen, besteht aus Bambushütten, die teilweise nur aus vier Pfosten und einem Dach gebaut sind. Zu ihrem Abschied hat sich die ganze Dorfgemeinschaft versammelt und die letzten Heller für die Reise der Jungen zusammengekratzt. Der Kontrast zum Ziel ihrer Reise könnte kaum größer sein, denn Bora und Dy wollen in Koh Pich, dem „Diamond Island“, Arbeit finden, einem Neubauviertel in Phnom Penh. Hier entsteht eine Mega-City für die neue Klasse der Reichen und Schönen, zu denen die ... mehr

Filmkritik

Taxifahrerin in Indien

Anna Stemmler über Where to, Miss?

Devki ist noch recht jung, aber schon aus einer ersten Ehe geflohen, weil ihr Mann sie schlug. Nun wohnt sie wieder bei ihren Eltern. Gern würde sie das Angebot "Women on Wheels" der Azad Foundation wahrnehmen, die Frauen kostenlos als Fahrerinnen ausbildet, ihnen dafür auch Englisch und Selbstverteidigung beibringt. Ihr Vater ist jedoch nicht begeistert. In Indien sind die für Frauen vorgesehenen Rollen traditionell über einen Mann definiert. Zunächst sind sie Töchter – eines Vaters, dann Ehefrauen – eines Mannes, schließlich Mütter – (hoffentlich) eines Sohnes, aber ... mehr

Filmkritik

Österreichischer Thriller

Hannes Stein über Die Hölle

DIE HÖLLE ist ein österreichischer Thriller, der zwar als ZDF/ORF-Koproduktion entstanden ist, der es aber trotzdem ganz ordentlich krachen lässt. Özge (Violetta Schurawlow) ist eine Wiener Taxifahrerin, die nicht viel redet, und im Zweifel lieber die durch Thai-Boxen trainierten Fäuste, Knie und Ellbogen sprechen lässt. Ihr Ex-Lover, Besitzer des Box-Gyms, in dem Özge trainiert, hat genug von ihr, als sie einem hinterhältigen und arroganten Sparringpartner die Nase bricht. Als sie im Nebenhaus einen brutalen Mord beobachtet, sieht sie der Killer im Fenster. Özge hat Angst, aber ... mehr

Filmkritik

Für Katzenfans

Toni Ohms über Bob, der Streuner

Hundefilme sind fast schon ein eigenes Genre, Katzen werden im Kino dagegen zwar gerne gesucht, sind als Hauptdarsteller aber nicht sehr präsent. Im freundlich-flauschigen BOB, DER STREUNER ist nun endlich ein gelb getigerter Kater der unbestreitbare Star. Der Film basiert auf dem gleichnamigen internationalen Bestseller, der wiederum auf einer wahren Geschichte basiert: Der Londoner Junkie und Straßenmusiker James ist kurz vor dem Aus und versucht noch ein letztes Mal den Ausstieg über Methadon. Bereits einmal ist er einer Überdosis knapp entkommen und wenn er das Programm schmeißt, ... mehr

Filmkritik

Perfekter Balanceakt

Harald Mühlbeyer über Die Blumen von Gestern

Toto Blumen ist ein Kämpfer für die gute Sache. Deshalb schlägt er seinen Kollegen Balthasar Thomas krankenhausreif, als der es wagt, Sponsoren für die Häppchen beim großen Ausschwitz-Kongress akquirieren zu wollen. Holocaustforschung ist Blumens Leben, als Vertreter der reinen Lehre ist er kompromisslos. Süße Rache von Thomas: Er jubelt Blumen die junge, völlig überspannte Französin Zazie als Praktikantin unter, und geboren ist das herrlichste Screwballpaar des deutschen Films seit Jahrzehnten. Wie sich Toto und Zazie ihre Neurosen und Komplexe gegenseitig vor die Füße ... mehr