Entfernung über GPS
ab PLZ

Filmkritik

Familiäre Verstrickungen

Susanne Kim über Die kanadische Reise

Manchmal braucht es nur einen Anruf, um ein ganzes Leben umzukrempeln. Mathieu ist mit seinen 33 Jahren in der pragmatischen Normalität angekommen. Er arbeitet als Sales-Manager in Paris und vertreibt Hundefutter, mit seiner geschiedenen Frau kommt er gut aus, den gemeinsamen Sohn sieht er regelmäßig. Zeit für seine Leidenschaft, Krimis zu schreiben, bleibt ihm wenig, ebenso Muße, darüber nachzudenken, ob sich daran etwas ändern ließe. Dann kommt die Nachricht, dass sein Vater, den er nie kennengelernt hat, verstorben ist. Er hat ihm ein Päckchen hinterlassen. Spontan beschließt ... mehr

Filmkritik

Fragmente der Glücksverhinderung

Sebastian Markt über Meine schöne innere Sonne

Eine Adaption von Roland Barthes "Fragmente einer Sprache der Liebe". Claire Denis‘ Entwurf einer romantischen Komödie. Zwei Fährten in einen Film, der in vielen Hinsichten überrascht, beide nicht falsch, und doch wird ihn keine ganz erschließen können.

MEINE SCHÖNE INNERE SONNE ist ein Film wie ihn wohl die wenigsten von Claire Denis erwartet haben und zugleich ein Film, den nur Claire Denis machen konnte: ein Film ganz um eine Figur zentriert, die Malerin Isabelle, die man sich nicht anders als von Juliette Binoche gespielt vorstellen kann.

Der Film beginnt im Bett, mit einer ... mehr

Filmkritik

Persönlicher Blick

Lars Tunçay über Lieber leben

Während der ersten Minuten des Films blicken wir durch Benjamins Augen. Der junge Mann wird ins Krankenhaus eingeliefert. Ärzte, eine Operation, 245 Quadrate in der Deckenlampe – bis Benjamin wieder vollends zu sich kommt, vergeht eine Weile. Das Wie und Warum ist nicht entscheidend – eine Dummheit hat ihn hierher gebracht, wie Benjamin es später beiläufig abtun wird. Doch diese Dummheit hat sein Leben verändert. Nun ist er nahezu vollständig gelähmt und landet in einem Rehabilitationszentrum. Der aktive Basketballspieler ist fest entschlossen, dass bald alles wieder sein wird wie ... mehr

Filmkritik

Haikuartige Poesie

Johannes Bluth über Leaning Into the Wind – Andy Goldsworthy

Andy Goldsworthy macht Kunst mit der Natur. Sorgsam schichtet er Blätter übereinander, fräst Muster in Baumstämme und schafft so vergängliche Skulpturen. Nach kurzer Zeit wehen die Blätter davon, die Kunst wird morsch, und nur sorgfältige Fotografien zeugen noch von dem vorübergehenden Kunstwerk. Der Münchner Kameramann und Regisseur Thomas Riedelsheimer hat den renommierten Land-Art-Künstler, der rund um den Globus seine Werke erschafft, in LEANING INTO THE WIND bereits zum zweiten Mal begleitet. In San Francisco versetzt Goldsworthy ein im Ganzen einbalsamiertes Baumgeäst in eine ... mehr

Filmkritik

Maulfaul & aggro

Hendrike Bake über Ein Date für Mad Mary

Wir sind in Irland. Das Wetter ist schlecht, die Farben eher grau. Mary (Séana Kerslake) ist Anfang zwanzig und ein ganz schöner Brocken: maulfaul, aggro und sehr leicht reizbar. Mary, das wird sofort klar, sollte man besser nicht blöd kommen. Am Anfang des Films wird sie frisch aus dem Gefängnis entlassen, wo sie 6 Monate wegen Körperverletzung eingesessen hat. Als ihre Mutter sie am Bahnhof von Drogheda abholt, ist alles, was Mary äußert „Na endlich“. Lieber wäre es ihr gewesen, wenn ihre beste Freundin Charlene gekommen wäre, aber die steckt mitten in den ... mehr

Filmkritik

Countdown zur Katastrophe

Christian Klose über Wenn ich es oft genug sage, wird es wahr

Eigentlich kann sich Michel Peneud nicht beschweren: Sicher, mit seiner Schauspielkarriere läuft es nicht so gut und der Hübscheste ist er auch nicht, wenn man nicht gerade auf Ganzkörperbehaarung steht. Aber er hat immer noch seinen Job im Elektrofachhandel und seine Freundin Aurélie ist manchmal so begeistert vom Sex mit ihm, dass sie es der ganzen Nachbarschaft mitteilen muss. Vor allem aber hat er seine Mama lieb und sie ihn. Seitdem die Ärzte bei ihr Brustkrebs diagnostiziert, ihn dann aber wieder „verlegt“ haben, lebt sie richtig auf, trinkt jeden Tag Schaumwein und gibt ihren ... mehr

Filmkritik

Philosophische Geistergeschichte

Tom Dorow über A Ghost Story

Dieser Text enthält geringfügige Spoiler, die das Sehen des Films nicht beeinträchtigen.

David Lowerys A GHOST STORY ist ein unglaublich schöner, rührender, komischer und trauriger Film, einer der klügsten, der in diesem Jahr ins Kino kommt. Ein Horrorfilm ist A GHOST STORY nicht, obwohl er einen tiefen philosophischen Schrecken und eine tiefere Trauer zu Ausdruck bringt.

Das mitteljunge Hipster-Paar C. (Casey Affleck) und M. (Rooney Mara) wohnt in einem nicht mehr ganz frischen Vorort-Haus und streitet sich über einen bevorstehenden Umzug. An einer Wand erscheinen ... mehr

Filmkritik

Knisternde Blicke vor Bergpanorama

Christian Horn über Zwischen zwei Leben

Idris Elba macht den Cliffhanger, Kate Winslet grillt einen Puma. Die Survival-Romanze THE MOUNTAIN BETWEEN US bietet durchaus Spannungsmomente, allein der als Plansequenz inszenierte Kleinflugzeugabsturz in den schneebedeckten Bergen Kanadas ist eine Wucht. Die Fotojournalistin Alex und der Neurochirurg Ben hatten die Propellermaschine gechartert, um trotz eines gecancelten Linienflugs ihre Termine wahrnehmen zu können: Alex wollte am nächsten Tag heiraten, Ben wurde zu einer Notoperation erwartet. Nach dem Crash müssen die Zufallsbekannten in der Wildnis ums Überleben kämpfen – und ... mehr

Filmkritik

Antibürgerliche Intervention

Hannes Stein über Queercore – How to Punk a Revolution

Yoni Leyser, der zuletzt mit dem Spielfilm DESIRE WILL SET YOU FREE die queere Berliner Partyszene porträtierte, betreibt mit QUEERCORE – HOW TO PUNK A REVOLUTION eine Art Pop-Archäologie der nordamerikanischen Szene in den 80er und 90er Jahren. Von 1985 bis 1991 veröffentlichten Bruce LaBruce und G.B. Jones das queere Punk-Fanzine “ J.D.s“. Weil es in Toronto keine queere Punkszene gab, ließen sich LaBruce und Jones von Guy Debords situationistischem Manifest „Die Gesellschaft des Spektakels“ inspirieren und gründeten ihre eigene Bewegung. Die Punks stellten sich ostentativ ... mehr

Filmkritik

Blick aufs Meer

Hendrike Bake über Clair Obscur

Die Psychologin Sehnatz scheint den Traum von einem perfekten bürgerlichen Mittelschichtsleben zu leben. Sie arbeitet im Krankenhaus einer türkischen Mittelstadt und wohnt in einem schlicht aber edel eingerichteten Steinhaus am Meer. Unverputzte Wände, offene Küche, Sofalandschaft, Kamin. Ihr Mann und dessen Architekten-Freunde sind ebenso gut angezogen und sorgfältig geschminkt wie sie. Der Sex sieht aus wie Leidenschaft und Cem kocht sogar.
Elmas wohnt in einem einfachen Wohnblock. Ihr Blick geht auf Müll und eine Brachfläche. Immer wieder stiehlt sie sich auf den Balkon, um heimlich ... mehr

Indiekino Magazin

Interviews

Filme heute