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Sommer 85

Trés retro

Sommer 1985: Am Meer lernt Alexis David kennen: abgebrochene Schule, aufgerollte T-Shirts, rote Suzuki, zwei Jahre älter und selbstbewusster. Von David geht eine eigentümliche Anziehungskraft aus, eine Verwegenheit und Todesverachtung, die Alexis, und nicht nur ihn, verzaubert.

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SOMMER 85 ist nach Aidan Chambers Roman Dance on My Grave (Tanz auf meinem Grab: ein Leben in vier Teilen) von 1982 entstanden. François Ozon hat die Handlung aus dem englischen Southend-on-Sea ins französische Le Tréport verlegt, einem eher proletarischen Bade- und Fischerort in der Normandie. In traumhaftem Retro-16-mm entwirft Ozon eine postkartenschöne Sommer-Sonne-80er-Jahre-Idylle mit existentiellen Untertönen. Der 16-jährige Alexis, oder auch Alex ist mit seinen Eltern erst kürzlich hergezogen. Die Sommerferien verbummelt er am Kieselstrand. Im Hintergrund dräuen Zukunftsentscheidungen. Abitur oder Beruf? Der Vater drängt, er soll eine Ausbildung machen, die Mutter sagt, er soll seinem Herzen folgen, guckt aber auch sehr unglücklich, wenn von Literaturwissenschaft die Rede ist. Im Moment aber ist der Sommer wichtiger.

Am Meer lernt Alexis David kennen: abgebrochene Schule, aufgerollte T-Shirts, rote Suzuki, zwei Jahre älter und selbstbewusster. Von David geht eine eigentümliche Anziehungskraft aus, eine Verwegenheit und Todesverachtung, die Alexis, und nicht nur ihn, verzaubert. Ohne Zögern und Umstände lässt er sich verführen, verbringt ab sofort seine ganze Freizeit mit David und beginnt, im maritimen Bedarfsladen, den David seit dem Tod seines Vaters zusammen mit der Mutter betreibt, zu jobben. Jede Minute möchte er mit ihm verbringen. Im Off erzählt er „Ich war so verliebt, dass ich immer mit ihm zusammen sein wollte. Aber auch wenn ich mit ihm zusammen war, war es nicht genug.“ David jedoch bleibt ungreifbar, entzieht sich, folgt eigenen Obsessionen. Über das Motorradfahren sagt er: „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich schnell fahre. Ich sehe die Geschwindigkeit vor mir, aber ich erreiche sie nie.“

Wie immer ist Ozons Inszenierung - über die Farben, das Licht oder die Liebe zum Detail in der Ausstattung – sehr sinnlich und zugleich in der Konstruktion kühl-analytisch. Die Geschichte einer ersten Liebe ist in eine Thriller-Rahmenhandlung und dann zusätzlich noch die Ich-Erzählung eines werdenden Autors eingebettet. Der Film beginnt mit Alex, der von einem Polizisten abgeführt wird, in die Kamera schaut und sagt: „Wenn ihr kein Interesse am Tod habt, dann ist diese Geschichte nichts für euch.“ Die angekündigte Katastrophe und die verschachtelte zeitliche Konstruktion beschweren und zerstückeln das pastellbunte Teenagerdrama im Kern des Films.

Ob diese Techniken der Distanzierung gelungen sind, ist die Frage. Es wäre vielleicht nicht nötig, die Morbidität und Transgressivität, die in diesem (jedem?) Sommer der Liebe auch präsent sind, derart auszubuchstabieren. Wer nach dem elaborierten Spannungsaufbau der Rahmenerzählung eine große Thrillerenthüllung erwartet, wird enttäuscht werden. Gewollt sind sie jedoch auf jeden Fall, denn Ozon war noch nie daran interessiert, einfach nur eine Geschichte zu erzählen, die so passiert sein könnte, oder eine universelle Erfahrung zu formulieren. Sein Thema, sei es in ANGEL oder UNE NOUVELLE AMIE, ist die Gegenwart des Imaginären: Teil der Wirklichkeit ist immer auch das Bild, das wir uns von ihr machen. Eine Vorstellung kann so sehr im Raum stehen wie ein Schrank, und die erste Liebe, von der SOMMER 85 erzählt, ist mindestens ebenso eine Kopf-Konstruktion, wie die Erzählstruktur von Ozons Film. Die Aufgabe besteht darin, den Schrank zu verrücken. „Die einzige Sache, die zählt, ist seiner Geschichte zu entkommen.“, sagt Alex.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: Été 85
Frankreich 2020, 100 min
Sprache: Französisch
Genre: Drama
Regie: Francois Ozon
Drehbuch: Francois Ozon
Kamera: Hichame Alaouié
Schnitt: Laure Gardette
Musik: Jean-Benoît Dunckel
Verleih: Wild Bunch
Darsteller: Valeria Bruni Tedeschi, Melvil Poupaud, Benjamin Voisin, Philippine Velge
FSK: 12
Kinostart: 08.07.2021

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