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Menschliche Dinge

Paradigmenwechsel

Nach einer Party wird der junge Elite-Student Alexandre der Vergewaltigung angeklagt. Im Prozessfilm MENSCHLICHE DINGE lotet Yvan Attal geschickt Eckpunkte des Diskurses aus: Wo endet Rücksichtslosigkeit und Gedankenlosigkeit und wird zu sexueller Nötigung?

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Bereits in DIE BRILLANTE MADEMOISELLE NEÏLA (frz. LE BRIO, das Vorbild für Sönke Wortmanns CONTRA) beschäftigte sich Yvan Attal damit, was passiert, wenn alte, weiße Dinosaurier des Kulturbetriebs auf neue Sensibilitäten stoßen. Damals war es ein ressentimentgeladener Juraprofessor, der an eine schlagfertige Studentin mit arabischen Wurzeln geriet. Auch MENSCHLICHE DINGE nach dem gleichnamigen Roman von Karine Tuil ist wieder ein eleganter Film, der von gesellschaftlichem Diskurs handelt und von seinen klugen, scharfen Dialogen lebt, die Tonlage ist aber um Einiges ernster. Im Zentrum steht die ultra-bürgerliche Familie Farel. Vater Jean (Pierre Arditi) ist ein bekannter Fernsehmoderator. Mutter Claire (Charlotte Gainsbourg) ist feministische Essayistin, Sohn Alexandre (Ben Farel) studiert an einer US-amerikanischen Elite-Uni und ist gerade in den Semesterferien zu Besuch. Die Eltern sind getrennt, aber die Verhältnisse scheinen geklärt und freundschaftlich.

Der Film beginnt auf dem Zenith von Jeans Karriere, morgen soll er zum Großoffizier der Ehrenlegion ernannt werden, aber eine Zeitenwende kündigt sich bereits an. Seine Talkshow „Le Grand Oral“ wird abgesetzt, man brauche „neue Gesichter“. Auch Claire spürt Gegenwind, eben noch hat sie sich in einer Radiodebatte um sexuelle Gewalt durch Migranten gegen den Vorwurf des Rassismus verteidigt. „Alle sexuellen Straftäter, und ich meine, alle, müssen gleichermaßen hart bestraft werden!“ ist ein Satz, der ihr auf die Füße fallen wird: Am Morgen der Preisverleihung wird ihr Sohn Alexandre von Polizisten abgeholt. Der Vorwurf lautet Vergewaltigung, und die Anklägerin ist keine andere als Mila (Suzanne Jouannet), die Tochter von Claires neuem Lebensgefährten, mit der Alexandre am vergangenen Abend gemeinsam auf einer Party war.

Minutiös verfolgt MENSCHLICHE DINGE wie die Schockwellen die beiden betroffenen und verzahnten Familien durchlaufen. Wie Alexandre nur langsam begreift, dass seine Zukunftspläne sich erstmal in Luft auflösen. Wie Mila unter Tränen aussagen muss, während ihre jüdisch-orthodoxe Mutter fassungslos daneben sitzt. Wie Claire sich fragt, ob ihr Sohn das wirklich getan haben könnte, und Jean davon ausgeht, dass er unschuldig ist: „Das hat er doch gar nicht nötig“. Zwei Jahre später kommt es zum Prozess, dem Herzstück des Films, und in einer hochspannenden Verhandlung schälen sich aus Falschaussagen, Zeugenbefragungen und Plädoyers nach und nach die Umstände des verhängnisvollen Abends heraus.

Dabei ist der Tathergang am Ende einigermaßen klar, zumindest so viel: Es kam zum Sex und Mila hat sich nicht gewehrt oder „Nein“ gesagt. Worum es in MENSCHLICHE DINGE eigentlich geht, ist etwas anderes. Der Film wirft ein scharfes Licht auf die beiden völlig unterschiedlichen Perspektiven von Täter und Opfer. Was der vom Leben und weiblicher Aufmerksamkeit verwöhnte Alexandre maximal als eine Art versnobte Rücksichtslosigkeit versteht, hat Mila als bewussten, willkürlichen Übergriff erlebt. Noch vor 10 Jahren wäre Alexandre ein Freispruch sicher gewesen, wäre eine Anklage vermutlich erst nie erfolgt, doch inzwischen haben sich die Parameter verschoben. In MENSCHLICHE DINGE lotet Yvan Attal geschickt die Eckpunkte des Diskurses aus.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: Les choses humaines
Frankreich 2021, 138 min
Genre: Drama, Thriller
Regie: Yvan Attal
Drehbuch: Yvan Attal, Yael Langmann
Kamera: Rémy Chevrin
Schnitt: Albertine Lastera
Musik: Mathieu Lamboley
Verleih: MFA+
Darsteller: Ben Attal, Suzanne Jouannet, Charlotte Gainsbourg, Pierre Arditi, Mathieu Kassovitz
FSK: 12
Kinostart: 03.11.2022

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