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Augenblicke: Gesichter einer Reise

Demokratische Kunst

Die mittlerweile 90-jährige Avantgardefilmerin Agnès Varda hat gemeinsam mit dem Street-Art-Künstler JR einen Roadtrip durch die französische Provinz unternommen und in Kooperation mit den Bewohner*innen Kunstaktionen gemacht.

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Die mittlerweile 90-jährige Avantgardefilmerin Agnès Varda hat gemeinsam mit dem Street-Art-Künstler JR einen Roadtrip durch die französische Provinz unternommen und riesige Fotocollagen an Häuserwänden angebracht. Mal zeigen die Bilder Bergarbeiter, die einst die kleinen Ziegelhäuser bewohnt haben, mal einen Bauern, der heute eine Fläche als Einzelunternehmer bearbeitet, die früher Dutzende beackert hätten, und einmal drei Frauen der Dockarbeiter von Marseille, die das Duo wie gigantische griechische Göttinnen über 91 Cargokisten plakatiert. Immer kommen JR und Varda bei ihren Aktionen dabei mit den Bewohnern*innen ins Gespräch.

Die Eindrücke der Reise, Persönliches und Politisches, Gespräche und Begegnungen hat Varda zu einem verschmitzten und politischen Dokumentarfilm kompiliert, der munter die Themen wechselt und doch eine Idee verfolgt. Eine Szenefolge sieht zum Beispiel so aus: Agnès Varda war beim Augenarzt, ihr werden Spritzen in den Augapfel gegeben. Sie erzählt, dass sie sich während der Prozedur immer die Szene aus EIN ANDALUSISCHER HUND vorstellt, in der das Auge mit der Rasierklinge zerteilt wird. Dagegen sei das doch harmlos. Dann stellen Varda und JR nach, was Varda beim Sehtest sieht: Auf einer großen Freitreppe stehen in mehreren Reihen Menschen und halten Buchstaben hoch, große oben auf der Treppe und ganz kleine unten auf der Treppe. Sie müssten sich noch bewegen sagt Varda, und JR bittet die Leute, sich zu bewegen, und das lebende Tableau beginnt zu wackeln. „Ich sehe dich verschwommen, aber ich sehe dich“ sagt Varda - und damit einen der Kernsätze des Films.

So assoziativ verspielt funktioniert der ganze Film. Scheinbar zufällige Einfälle und Begegnungen reihen sich aneinander, Kunst kommt immer drin vor, alles ist immer wahnsinnig freundlich - und doch geht es um ein großes Projekt: Ums Sehen und ums Sichtbarmachen. Dabei ist es egal, ob die Wahrnehmung möglicherweise unscharf ist. Es ist sogar egal, ob man JRs Graffiti-artige Collagen für Kunst hält. Was sie machen, ist, unübersehbar und mit viel Spaß neu zu definieren, was gesehen wird, was denkmalwürdig, gesprächswürdig, nachrichtenwürdig ist. Das kann ein verlassenes Dorf sein, eine Fabrikbelegschaft oder auch mal eine glückliche Ziege.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: Visages, Villages
Frankreich 2017, 90 min
Sprache: Französisch
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Agnès Varda; J. R.
Drehbuch: Agnes Varda
Verleih: Weltkino
FSK: oA
Kinostart: 31.05.2018

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