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Interview, News

„Wir waren nur ein kleines, ziemlich schräges Low-Budget-Projekt“

Interview mit Valdimar Jóhannsson zu LAMB

Vor LAMB hat der 1978 geborene isländische Regisseur Valdimar Jóhannsson lediglich zwei Kurzfilme veröffentlicht, nun wird er als einer der interessantesten Newcomer gefeiert. Sein Spielfilmdebüt wurde unter anderem in Cannes in der Reihe „Un certain regard“ gezeigt und dort mit dem Preis für Originalität ausgezeichnet, auf den Filmfestival Sitges erhielt er Preise als bester Spielfilm, für die beste Hauptdarstellerin (Noomi Rapace) und für Nachwuchsregie. LAMB ist die isländische Einreichung für den Oscar 2022. Patrick Heidmann hat sich mit Valdimar Jóhannsson über seinen Film unterhalten.

INDIEKINO: Herr Jóhannsson, zum Einstieg eine angesichts der schrägen Prämisse Ihres Films „Lamb“ naheliegende Frage: wie nahm dieses Projekt eigentlich seinen Anfang?

Valdimar Jóhannsson: Begonnen hat „Lamb“ vor etlichen Jahren weniger mit einer konkreten Idee als mit Skizzen und Zeichnungen. Ich hatte ein Buch, in dem ich alles Mögliche malte: das Lamm, das im Film nun Ada heißt, Wiesen und Sträucher, Schafszüchter. Kleine Momentaufnahmen, Referenzen, Ideen für ein paar Szenen, die ich reizvoll fand. Aber das war alles sehr wenig konkret. Bis ich das Glück hatte, dass mir der Autor Sjon vorgestellt wurde...

Ihr Landsmann, der nicht nur Lyrik, Romane und Theaterstücke schreibt, sondern auch gemeinsam mit Lars von Trier und Björk für einen Song aus „Dancer in the Dark“ für den Oscar nominiert war.

Genau. Ich bin schon lange ein großer Fan von ihm und hatte das Gefühl, dass er als jemand, der sich auch mit isländischer Mystik auskennt, genau der Richtige sein könnte, um aus meinen Einfällen eine echte Geschichte zu machen. Wir trafen uns zum Kaffee, ich zeigte ihm mein Skizzenbuch und so begann unsere Zusammenarbeit. Wir saßen lange Zeit jede Woche zweimal zusammen, um ein Treatment auszuarbeiten, das die Produzent*innen überzeugte. Und dann erarbeitete Sjon daraus ein Drehbuch.

Der Film basiert aber nicht auf einem konkreten isländischen Märchen oder Mythos, richtig?

Nein, aber ich kann verstehen, wenn es so wirkt. Denn die Bestandteile vieler dieser typisch isländischen Geschichten sind oft die gleichen – und kommen jetzt auch bei uns vor. Allen voran die Natur, die ja im Grunde eine eigene Hauptfigur in „Lamb“ ist. Aber auch ein allgemeines Gefühl von Magie, von einer Welt, in der Elfen, Trolle und andere Wesen existieren können.

"Das war eine Beziehung auf Augenhöhe, in der es nicht Männer- und Frauen-Aufgaben gab. Beide waren absolut gleichberechtigt in allem."

Praktisch genauso wichtig wie die Natur ist das Bauernhaus, das in eben dieser steht und in dem das Ehepaar im Zentrum Ihres Films lebt, oder?

Auf jeden Fall, denn im Grunde spielt sich ja die gesamte Handlung an diesem einen Ort ab. Ich hatte auch von Anfang an ein sehr klares Bild davon, wie diese Farm auszusehen hat. Sogar ein Modell aus Ton habe ich konstruiert, um jedem zu verdeutlichen, was mir vorschwebte. Letztlich bin ich zweimal durchs ganze Land gefahren und habe mir jedes Bauernhaus angesehen, um das passende zu finden. Vergeblich. Bis mein Bruder dann im Norden der Insel auf dieses tolle Haus stieß, umgeben von eindrucksvollen Bergen. Der Grundriss war eigentlich viel komplizierter als ich es im Sinn hatte. Aber es hatte seit zehn Jahren niemand mehr dort gelebt und wir hatten alle Freiheiten beim Drehen. Letztlich erwies es sich also als Segen, dass ich bereit war, meine ursprüngliche Vision aufzugeben.

War Noomi Rapace, die zwar in Island aufgewachsen ist, aber dort lange nicht mehr gearbeitet hatte, auch von Anfang an Teil Ihrer Vision?

Tatsächlich hatten wir sie schon bei der Arbeit am Drehbuch im Kopf, obwohl mir immer klar war, dass es schwer werden könnte, an sie überhaupt heranzukommen. Schließlich dreht sie auf der ganzen Welt und wir waren nur ein kleines, ziemlich schräges Low-Budget-Projekt, mit dem womöglich nicht jeder etwas anfangen kann. Aber ich wusste eben auch um ihren Bezug zu Island und erkannte in ihr die gleichen Qualitäten wie in der Protagonistin unserer Geschichte, die sanft und verletzlich, aber auch kühl und willensstark ist. Am Ende brauchte es dann gar nicht viel Überzeugungsarbeit meinerseits. Sie las das Drehbuch, und als ich sie in London besuchte, zeigte ich ihr meine Bilder und Skizzen und saß ansonsten schüchtern in der Ecke. Aber sie schien begeistert – und verschrieb sich der Rolle dann vom ersten Tag an mit Haut und Haar.

Durfte sie noch Einfluss nehmen auf ihre Rolle?

Klar, wir haben gemeinsam noch an der Figur gefeilt und immer wieder kleine Details besprochen. Während der Dreharbeiten war das besonders spannend, weil Noomi eigentlich immer „in character“ war, selbst wenn die Kamera nicht lief. Sie kam morgens als Maria ans Set und verließ es abends so auch wieder. Aber im Übrigen sollten wir hier auch Hilmir Snær Guðnason erwähnen, der ihren Film-Mann spielt. Denn dass es hier um ein Ehepaar geht, ist natürlich entscheidend. Zumal ich mich dafür ein wenig an meinen eigenen Großeltern orientiert habe, die auch Landwirtschaft betrieben. Das war eine Beziehung auf Augenhöhe, in der es nicht Männer- und Frauen-Aufgaben gab. Beide waren absolut gleichberechtigt in allem und durch ein ganz starkes emotionales Band verbunden. So sollte es in „Lamb“ auch sein, wenn gleich Maria stärker ist als Ingvar.

"Ich wollte einfach auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Und immer auch einen Plan B und C haben."

Der Film wird teilweise als Horrorfilm vermarktet, aber es ist auch ein klaustrophobisches Kammerspiel, Ehedrama und Mystery-Thriller. Auch gelacht werden kann mitunter. Fiel es Ihnen schwer, die richtige Balance im Tonfall zu finden?

Darüber habe ich mir gar nicht so viele Gedanken gemacht. Als Horrorfilm habe ich die Sache nie gesehen, so viel kann ich sagen. In meinen Augen haben wir ein Arthouse-Drama gedreht, ein Volksmärchen oder vielleicht ein visuelles Gedicht. Aber ich wusste auch immer, dass dieser Art Film die unterschiedlichsten Reaktionen hervorrufen wird. Deswegen ist es interessant, dass Sie das Lachen erwähnen. Bis zu einem gewissen Grad habe ich das einkalkuliert, denn mir war klar, dass es nach dem ersten, sehr episch-dramatischen Kapitel der Geschichte auch Momente der Leichtigkeit braucht, für die nicht zuletzt Ingvars Bruder als eine Art Stellvertreter des Publikums zuständig ist. Bei der Weltpremiere in Cannes gab es aber schon viel früher etliche Lacher im Saal. Ich brauchte einen Moment um zu verstehen, dass die vermutlich Ausdruck einer Unbeholfenheit waren, weil viele Zuschauer*innen gar nicht genau wussten, wie sie auf diese Art von Geschichte angemessen reagieren können.

Mindestens was das titelgebende Lamm angeht, kamen – für ein Arthouse-Drama eher ungewöhnlich – natürlich auch Spezialeffekte ins Spiel. Ließ sich das leicht integrieren in Ihren ansonsten sehr naturalistischen Look?

Zunächst einmal muss ich dazu sagen, dass es natürlich auch jede Menge echte Schafe am Set gab. Die im Übrigen recht unkompliziert in der Zusammenarbeit waren, weil wir Bauern und Tiertrainer im Team hatten und ich mich auch selbst ganz gut mit den Tieren auskenne. Aber was nun die CGI-Elemente angeht, half mir mein Hang zu Storyboards. Ich glaube, insgesamt habe ich dreimal den kompletten Film in Storyboards zu Papier gebracht bevor wir mit dem Dreh begannen. Um genau zu sehen, welche Szenen und Bilder wir wirklich brauchten, gerade was das Lamm angeht. Denn anders als der Titel es suggeriert, ist es ja nicht die Hauptfigur. Vieles funktionierte emotional auch, ohne dass die Kamera Ada tatsächlich zeigte. Die, die dann übrigblieben, brachten natürlich trotzdem noch ein paar Schwierigkeiten mit sich.

Nämlich welche?

Vor allem für die Schauspieler*innen, die einfach viel Geduld mitbringen mussten. Jede dieser Szenen mussten wir drei Mal drehen: einmal mit einem Tennisball, dann mit einem Kleinkind und schließlich mit einem echten Lamm. Selbst die einfachsten Einstellungen dauerten dadurch ziemlich lange, und ständig mussten Noomi, Hilmir und die Crew still sein und warten, weil irgendwo ein Lamm gefüttert werden musste oder Tiere und Kinder nicht verschreckt werden durften. Wenn ich mir das Ergebnis nun ansehe, haben sich diese Mühen allerdings wirklich gelohnt.

Wo Sie gerade die Unmengen an Storyboards erwähnt haben: hatte diese Art der Vorbereitung auch damit zu tun, dass „Lamb“ Ihr erster Film ist?

Wahrscheinlich. Ich wollte einfach auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Und immer auch einen Plan B und C haben, gerade wenn es um die Arbeit mit den Tieren ging. Beim nächsten Film bin ich vielleicht ein wenig entspannter, weil ich jetzt ein besseres Gefühl dafür habe, worauf ich mich einlasse. Ich werde sicherlich immer darauf setzen, so intensiv und gründlich wie möglich Vorarbeit zu leisten, bevor der eigentliche Dreh beginnt. Aber durch die Arbeit an „Lamb“ und Erfahrungen wie der vergeblichen Suche nach der perfekten Location weiß ich jetzt einfach, wie wichtig es ist auch Dinge zuzulassen, die meiner ursprünglichen Vision vielleicht nicht zu 100% entsprechen.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann

Patrick Heidmann