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Zombie – Dawn of the Dead

Pandemie-Alltag

aka "Zombies im Kaufhaus". Auf der Flucht vor den Untoten muss eine Gruppe Flüchtender auf dem Dach eines Einkaufszentrums notlanden. Für eine Weile sieht dies wie der perfekte Zufluchtsort aus, aber dann stehen aggressive Biker und die Untoten doch vor der Tür.

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George A. Romeros Filme haben das moderne Zombie-Subgenre begründet. Aktuell erleben sie auch eine Renaissance, weil mit Jordan Peeles Filmen GET OUT und US der politische Aspekt im Horrorfilm wieder mehr in den Fokus rückt, nachdem sich die (Weiße) Horror-Filmtheorie lange mehr mit phänomenologischen und formalen Aspekten beschäftigt hat. In dem im Oktober gestarteten Dokumentarfilm HORROR NOIR: A HISTORY OF BLACK HORROR – den wir hier ausdrücklich empfehlen – sprechen zahlreiche Schwarze Horrorfilm-Regisseur:innen, Schauspieler:innen, Kritker:innen und Filmwissenschaftler:innen darüber, wie entscheidend ein antirassistischer Film wie NIGHT OF THE LIVING DEAD (1968) für sie war. NIGHT hat einen Schwarzen Helden und einen verkniffenen, rassistischen Familienvater als Gegenspieler, und die letzten Bilder des Films, in dem Weiße Vigilanten einen Schwarzen Körper mit Fleischerhaken malträtieren, erinnern an Lynchszenen, nicht zuletzt an die Ermordung der Bügerrechtler James Chaney, Mickey Schwerner and Andrew Goodman, die in Mississippi 1964 stattgefunden hatten, vier Jahre vor Romeros NIGHT OF THE LIVING DEAD. Romeros Film war eine direkte Reaktion auf die Bürgerbewegung der sechziger Jahre.

DAWN OF THE DEAD (1978), der zweite Film aus Romeros Untoten-Filmreihe, erschien zehn Jahre nach NIGHT während der kurzen liberalen und vergleichsweise entspannten Carter-Ära. Der Film handelt von vier Personen – der Fernsehjournalistin Fran und ihrem Freund, dem Hubschrauberpiloten Stephen, sowie den Polizisten Roger und Peter. Alle vier sind Aussteiger in einer hoffnungslosen Welt, die noch letzte Maßnahmen ergreift, aber von der Zombie-Apokalypse eigentlich schon vernichtet ist. Fran und Stephen sehen keinen Sinn mehr in einem zunehmend wahnsinniger werdenden Nachrichtengeschäft, der Schwarze Peter und der Weiße Roger treffen sich nach einer Wohnhaus-Evakuierung, die zum rassistischen Massaker wird, und beschließen, gemeinsam zu verschwinden. Der Film erzählt, wie sie die Zombies in einer Shopping Mall erschießen – und dabei fast wahnsinnig werden – danach aufräumen und sich verrammeln und zunächst eine Art Konsumutopie leben, bis die Einsamkeit und Trostlosigkeit in die Seelen kriecht. Das Finale ist eine Schlacht gegen eine Motorrad-Gang (und Zombies), welche die Mall plündern will.

Vor der Covid-Pandemie waren sicher die unablässigen Kämpfe gegen die Zombies der beeindruckendste Teil des Films, vor allem, weil sie einfach nicht enden, und weil Romero deutlich den Effekt auf die Psyche zeigt, vor allem bei dem eigentlich schüchternen, melancholischen Roger, der allmählich zur hysterisch lachenden Kampf- und Konsummaschine mutiert. Nach 10 Monaten Covid-Pandemie fallen vor allem die Szenen auf, in denen alles vorbei ist, ohne dass irgendetwas besser geworden wäre. Die Zombies in der Mall sind tot oder sicher ausgesperrt. Die vier Überlebenden haben sich in einer Art Pandemie-Alltag eingerichtet. Fran fährt auf der verlassenen Eisbahn Schlittschuh und probiert neue Mode- und Make-up-Stylings aus. Die Jungs probieren Hüte, Jacken und Armbunduhren aus und spielen in einer Automaten-Arkade frühe Computerspiele. Währenddessen stirbt Roger einen langsamen Tod, dann geht es weiter mit Simulationen eines romantischen Dinners. Stephen macht Fran einen Heiratsantrag, aber sie lehnt ab: Nicht so, nicht jetzt. Der Zeitvertreib wurde früher vor allem als Konsumkritik interpretiert, als hätten wir in der Einsamkeit der Pandemie Besseres zu tun, als online zu konsumieren, uns auf Twitter anzuschreien und Computerspiele zu spielen. Selbst die meisten Filme ergeben nur noch wenig Sinn, weil sie von einer ganz anderen Welt erzählen. DAWN OF THE DEAD erzählt von der Gegenwart 2020.

Romeros Meisterwerk hat eine lange Geschichte der Zensur und unterschiedlicher Schnitt- und Tonfassungen hinter sich. In die deutschen Kinos kommt nun die europäische Fassung, die von Dario Argento geschnitten wurde und um einige Dialogszenen kürzer ist als die US-Theaterfassung, und in der sehr viel Musik der italienischen Prog-Rock-Gruppe Goblin auch über den Dialogen liegt. In den Synchronfassungen sind die übriggebliebenen Dialoge verständlich, der englischsprachige Originalton wird leider oft vom Goblin-Gedröhne verschluckt. Es gibt leidenschaftliche Verteidiger der Argento-Fassung. Ich hätte lieber den US-Theatrical Cut restauriert gesehen, weil weniger Goblin, mehr Dialog, aber egal: DAWN OF THE DEAD ist in allen Fassungen der Film zur Zeit.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Dawn Of The Dead
USA 1978, 141 min
Sprache: Englisch
Genre: Horror
Regie: George A. Romero
Drehbuch: George A. Romero, Dario Argento
Musik: Goblin
Verleih: Koch Films
Darsteller: David Emge, Ken Foree, Scott H. Reiniger, Gaylen Ross, David Crawford
FSK: 18
Kinostart: 29.10.2020

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