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Phoenix

„Das Alte bekommt man nie wieder so ganz hin“

Die Jüdin Nelly (Nina Hoss) kehrt schwer verletzt aus dem Konzentrationslager zurück. Als sie ihren ehemaligen Mann (Ronald Zehrfeld) in einem amerikanischen Club als Kellner findet, erkennt der sie nicht wieder. Aber er sieht eine Ähnlichkeit zu seiner Frau und schlägt Nelly einen perfiden Deal vor: sie gibt sich als seine aus den Lagern zurück gekehrte Frau aus und zusammen kassieren sie die Erbschaft. Nelly lässt sich auf den Deal ein.

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In Christian Petzolds neuem Film PHOENIX sind Nina Hoss und Ronald Zehrfeld wie schon in BARBARA ein Liebespaar, diesmal ein ehemaliges. Der Film spielt in Deutschland, Berlin, unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg. Die Jüdin Nelly kehrt schwer verletzt aus dem Konzentrationslager zurück. Ihre Freundin Lene, die als Vertreterin der Jewish Agency arbeitet, betreut sie, bringt sie, fast komplett in Verbandszeug verhüllt, ins Krankenhaus, besorgt eine gemeinsame Wohnung und arbeitet an der Wiederbeschaffung von Nellys Vermögen. Nur wenn Nelly sie nach ihrem Ehemann Johnny fragt, blockt sie ab. „Über Johnny rede ich nicht.“ Für Lene ist klar, dass Johnny Nelly verraten hat. Die Vergangenheit ist verbrannt, deutsche Lieder will Lene nie wieder hören. Für Lene gibt es nur den Weg in eine andere Zukunft, im Ausland, in Palästina.

An diesem Punkt ist Nelly noch lange nicht. Christian Petzold zeigt sie als eine Frau, die langsam ins Leben zurücktaumelt, und die verzweifelt möchte, das alles so ist, wie sie es verlassen hat, das irgendetwas Bestand hat. Als allererstes muss sie ihr Gesicht wiederbekommen, das völlig zerstört ist. Der Schönheitschirurg möchte ihr lieber ein anderes Gesicht geben, denn „das alte bekommt man nie wieder so ganz hin“. Aber Nelly besteht darauf. Das alte Gesicht. Das alte Leben. Sobald sie wieder laufen kann, macht sie sich auf die Suche nach Johnny. Wie eine Wiedergängerin von Jack Nicholson in Polanskis Farb-Noir CHINATOWN stolpert sie mit einem entstellenden Nasenverband durch die Schlagschatten der Trümmerhaufen und die Nachtclubs der Stadt.

Als sie Johnny, von Zehrfeld als sichtlich gut ernährter, windiger kleiner Schieber gespielt, tatsächlich in einem amerikanischen Club als Kellner findet, erkennt der sie nicht wieder. Aber er sieht eine Ähnlichkeit zu seiner Frau und schlägt Nelly einen Deal vor: sie gibt sich als seine aus den Lagern zurück gekehrte Frau aus und zusammen kassieren sie die Erbschaft. Nelly lässt sich auf den Deal ein. Mit Johnny übt sie, wie Nelly zu schreiben, wie Nelly zu laufen und wie Nelly auszusehen. Doch egal, wie nahe sie sich dabei kommen und wie offensichtlich die Anzeichen sind, das Nelly diejenige ist, die sie darstellen soll, Johnny erkennt sie nicht.

Christian Petzold hat erzählt, dass er sich im Vorfeld von PHOENIX viel mit dem kürzlich verstorbenen Harun Farocki, der auch am Drehbuch mitarbeitete, über das deutsche Nachkriegskino und das Fehlen von Genre im deutschen Film unterhalten hat. PHOENIX sieht sich tatsächlich wie der Versuch einen solchen deutschen Nachkriegs-Genre-Film nun doch zu drehen. Der Film ist altmodisches, metaphorisches Kino. Die Anfangsszenen, in denen Nelly mit Gesichtsverband durchs Krankenhaus wandert, erinnern an Georges Franjus‘ Albtraum-Klassiker LES YEUX SANS VISAGE, die Straßenszenen, durch die sie später stolpert, scheinen geradezu absichtlich bühnenhaft konstruiert und kontrastreich ausgeleuchtet. Die Geschichte, eine Noir-Geschichte, die vom Roman „Le retour des cendres“ von Hubert Monteilhet inspiriert wurde, der auch die Vorlage für Hitchcocks VERTIGO lieferte, ist bestes B-Movie Material. Eine Frau und ein Mann erkennen einander nicht, weil sie einander im Grunde nicht erkennen wollen. Weil die Wahrheit, wenn man ihr in die Augen sehen würde, die Kraft hätte, alles zu ändern und zu zerstören. Weil Nelly ihre Liebe aufgeben müsste und Johnny sein bequemes, opportunistisches Leben nicht weiterführen könnte.

Das ist der Punkt, an dem Petzolds Film interessanterweise hakt. Dass Johnny Nelly tatsächlich nicht erkennt, ist psychologisch kaum glaubhaft. Die Geschichte, die Petzold erzählen will, funktioniert aber nur, wenn man akzeptiert, dass Johnny Nelly nicht erkennt, was, anders gesagt natürlich bedeutet, dass sie nicht so richtig funktioniert. Noch anders betrachtet, passt es allerdings wieder ganz gut, dass der Zuschauer den Film als in sich brüchig erlebt.
Ursprünglich sollte die erste Szene von PHOENIX auf einer Kreuzung im Wald spielen und ein Foto der Todesmärsche nachstellen. Die Szene wurde gedreht aber nicht verwendet: „… es ging nicht. Das Nachstellen des Schreckens, die Kinematographie in und um Auschwitz– als würden wir sagen: Jetzt ist es Zeit, jetzt fassen wir das alles als Erzählung zusammen, jetzt wird es eine Ordnung.“ (Christian Petzold). Mit der Fiktionalität seiner Geschichte und der in den Film eingeschriebenen Brüchigkeit stellt PHOENIX eine Antithese zum neuen deutschen, Ordnung schaffenden Historienfilm von DER UNTERGANG bis zu UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER dar. Diesen Filmen, die bei aller Quellentreue und bei aller behaupteten Komplexität Geschichte letzten Endes in einer tröstliche Erzählung strukturieren und damit verarbeitbar machen, stellt Petzold nun einen Film entgegen, in dem es im Kern um die Unmöglichkeit und um die Ungehörigkeit einer solchen Erzählung geht.

Hendrike Bake

Details

Deutschland 2014, 98 min
Sprache: Deutsch
Genre: Drama
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold
Kamera: Hans Fromm
Verleih: Piffl Medien GmbH
Darsteller: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Michael Maertens
FSK: 12
Kinostart: 25.09.2014

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