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Maidan

Mitten in der ukrainischen Revolution

Ohne Kommentare, aufgezeichnet von einer statischen, beobachtenden Kamera zeigt Sergei Loznitsas Dokumentarfilm MAIDAN Geschehnisse während der ukrainischen nationalen Revolution, von den volksfestähnlichen Demonstrationen über Barrikadenkämpfe bis zur feierlichen Bestattung von Opfern der Kämpfe.

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Sergei Loznitsas Dokumentarfilm MAIDAN zeigt Geschehnisse während der ukrainischen nationalen Revolution, von den volksfestähnlichen Demonstrationen über Barrikadenkämpfe bis zur feierlichen Bestattung von Opfern der Kämpfe. Der Film beginnt damit, dass die Menge ergriffen die ukrainische Hymne singt. Loznitza zeigt nur einen Ausschnitt der Menge, vielleicht fünfzig Menschen, die meisten Männer mittleren Alters. „Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden!“ rufen sie. Die statische Kamera blickt auf Krankenstationen, Suppenküchen und schwarze Bretter. In der Menge singen zwei Frauen ein lustiges Volkslied, im Hintergrund wehen viele ukrainische Fahnen, aber auch die rot-schwarzen Flaggen der OUN (Organisation der ukrainischen Nationalisten) und ihres militärischen Flügels UPA (Ukrainische Aufstands Armee), dessen Gründer Stepan Bandera ein führender Kollaborateur der Nazis gewesen war, und Fahnen der Svoboda, die sich früher Sozial-Nationalistische Partei nannte. Während Reden gehalten werden, verweilt die Kamera in der Menge. Ein Gitarrist stimmt noch einmal im kleinen Kreis die Hymne an, manche stimmen mit ein. „Ruhm der Nation! Tod ihren Feinden!“ rufen sie. Schließlich Reden auf großen Bühnen und Lasershows, wie man sie von Open Air Konzerten kennt, in einigen Totalen des Platzes. Noch ist der Maidan ein Spektakel. Viele Redner nennen sich „Dichter“ und verlesen Dichtung, die an die deutsch-nationale Hurra-Poesie während der napoleonischen Kriege erinnert. Nur, dass hier nicht tausendmal geschworen wird, für‘s Vaterland zu sterben, sondern für‘s Mutterland und Gott.

Nach Ankündigungen, dass der Platz geräumt werden soll, fordern die Organisatoren die Menge auf, sich Tarnkleidung anzuziehen, Helme aufzusetzen und sich zu bewaffnen. Barrikaden werden höher, schließlich beginnen immer härtere Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Polizei greift mit Tränengas und Wasserwerfern an, die Demonstranten sind aber nicht schlechter bewaffnet. Schilder, Knüppel, Helme. Ein altes Mütterchen klopft das Pflaster auf, ein Hagel von Molotov-Cocktails fliegt direkt auf die Polizei zu. Der Aufstand zeigt eine ungeheure Qualität der Gewalt, die Polizei schießt irgendwann mit scharfer Munition. Hier stehen sich aber nicht unorganisierte Demonstranten und eine straff organisierte Polizei gegenüber, hier sind die Trupps auf beiden Seiten zu allem bereit und gehen mit militärischer Entschlossenheit vor.

Sergei Loznitzas Bilder inszenieren Distanz und stellen eine rein aufzeichnende Beobachterposition aus: die Kamera starr, keine Zooms, keine Schwenks, keine Interviews, kein Off-Kommentar, nur einzelne Schrifttafeln vermitteln ein wenig Kontext. Die Rhetorik des Films behauptet strenge formale Objektivität, reine Beobachtung. Gleichzeitig aber schafft der Film eine heroische Erzählung, die von der gelösten Stimmung am Anfang, den euphorischen nationalen Erweckungsreden zur Bewaffnung der Menge und den brutalen Straßenkämpfen überleitet, und schließlich die nationalen Märtyrer präsentiert. Drei Akte, die Revolution als Tragödie mit einem kathartischen Ende. Eine neutrale Erzählung ist das nicht, es ist die Inszenierung der Revolution als Heldenepos. Die Bilder des Films zu bewerten, bleibt dennoch den Zuschauern überlassen, was in anderen Filmen, die der nationalen Erweckung dienen sollen, ja nicht anders ist. Einen Einblick in die Atmosphäre auf dem Maidan vermittelt der Film durchaus.

Tom Dorow

Details

Niederlande/Ukraine 2014, 128 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Sergei Loznitsa
Drehbuch: Sergei Loznitsa
Kamera: Serhiy Stetsenko, Sergei Loznitsa, Mykhailo Yelchev
Schnitt: Danielius Kokanauskis, Sergei Loznitsa
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 03.09.2015

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