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Härte

Hölle in Neukölln

Mit sechs Jahren besucht Andreas Marquardt erstmals den Kampfsportunterricht. Aus dem Jungen, der seit früher Kindheit von seinem Vater geschlagen und von seiner Mutter sexuell missbraucht wird, wird selbst ein gefürchteter Schläger und Zuhälter. Jahre später beginnt Marquardt eine Therapie. Rosa von Praunheim hat die brutal offene Autobiographie Marquardts in einer Mischung aus Spielszenen und Interviews verfilmt.

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Mit sechs Jahren besucht Andreas Marquardt erstmals den Kampfsportunterricht. Das harte Training, das auf eiserne Selbstdisziplin setzt, ist für ihn Fluchtmöglichkeit und Perspektive zugleich. Die frühen sportlichen Erfolge fördern auch das männliche Selbstbewusstsein des Jugendlichen, der seit früher Kindheit den Attacken seines sadistisch-gewalttätigen Vaters und dem als Liebesbeweis getarnten sexuellen Missbrauch durch seine Mutter ausgeliefert ist.
Der Sport härtet ihn ab, und zeigt ihm Wege auf, sich zur Wehr zu setzen, doch als er Anfang zwanzig mit der Neuköllner Halbwelt in Berührung kommt, öffnet sich mit dieser neu gewonnenen Kraft auch das Tor zur dunklen und destruktiven Seite. Der Karateweltmeister wird brutaler Schläger und Geldeintreiber und schließlich zum deutschlandweit gefürchteten Zuhälter. Die jungen Frauen, die er für seine Zwecke anwirbt und auf den Strich schickt, bekommen seine jahrelang antrainierte Gefühlskälte zu spüren, er erniedrigt sie und nutzt sie aus – sein „Hassprogramm gegen Frauen“ nennt Marquardt das heute. Viele Jahre kann er auf diese Weise seine Machenschaften fortschreitend weiterverfolgen, wie er mittlerweile selbst verständnislos reflektiert: „Desto brutaler und unnahbarer ich war, desto mehr sind die Frauen mir hinterhergerannt.“

Zu diesen Frauen gehört auch Marion Erdmann, seine heutige Lebensgefährtin, die sich Marquardt scheinbar bedingungslos und bis zur Selbstaufgabe hingibt. Dass sie heute immer noch mit ihrem einstigen Zuhälter zusammenlebt, ist auf die Wendung ihrer beiden, bis dahin so aussichtslos zerstörerischen, Lebensgeschichten zurückzuführen, von der Filmemacher Rosa von Praunheim in HÄRTE erzählt.
Nach zwei mehrjährigen Haftstrafen offenbart sich Marquardt dem Psychologen Jürgen Lemke, mit dem er gemeinsam auch seine vielbeachtete Autobiographie HÄRTE – MEIN WEG AUS DEM TEUFELSKREIS DER GEWALT veröffentlicht. Lemkes Therapie ermöglicht es Marquardt, ein neues Ventil für seine traumatischen Kindheitserlebnisse zu finden und die Chance zu nutzen, das Steuer seines Lebens, das bis zu diesem Zeitpunkt unaufhaltsam auf den Abgrund zu lenkt, noch einmal herumzureißen. Er zieht sich aus dem Milieu zurück, bleibt seinem alten Kiez jedoch treu und setzt sich mit seiner Kampfsportschule, die Marion während seines Gefängnisaufenthalts weitergeführt hat, für sozial benachteiligte Kinder- und Jugendliche ein. Schließlich wird er sogar für sein vorbildliches Engagement gegen Missbrauch und Gewalt ausgezeichnet, und selbst Papst Franziskus lädt ihn zur Audienz nach Rom ein.

Ein Stoff mit Happy End also, der wie gemacht ist für die Filmerzählung. Rosa von Praunheim adaptiert die brutal offene und verstörende Autobiographie in einer Mischung aus dokumentarischem und fiktionalem Erzählen. Darin kontrastiert er die Kommentare Marquards und Erdmanns mit stilisierten und überwiegend im Low-Key-Stil des Noir-Films ausgeleuchteten Spielszenen. Aufgrund des grandios-eindringlichen Schauspiels seiner Protagonisten Hanno Koffler (Marquard), Luise Heyer (Erdmann) und Katy Karrenbauer (Mutter) erreicht seine Verfilmung damit eine kammerspielgleiche Intensität, die für das Werk des Regisseurs bislang einzigartig ist.
Der dokumentarische und der inszenierte Teil stehen dabei rätselhaft irreal nebeneinander, sind kaum miteinander zu vereinbaren und repräsentieren genau dadurch auch die kaum zu vereinbarenden Lebenswelten des Andreas Marquardt. Der heute so freimütig und positiv berichtende Protagonist lässt die Hölle seiner Vergangenheit für Zuhörer wie einen bösen Traum erscheinen.
Neben einer für sich genommen ohnehin schon spannenden Lebensgeschichte arbeitet Praunheim in HÄRTE die existenziellen Dualismen des Lebens heraus und offenbart dadurch, dass die Grenzen im Spannungsfeld zwischen Opfer und Täter, Hingabe und Selbstaufgabe, Liebe und Missbrauch stets durchlässig sind und eines konstanten Abgleichs bedürfen. Während Andreas Marquardt in seiner neuen Arbeit die Verantwortung der Gesellschaft für den Schutz der Schwächeren in den Mittelpunkt stellt, ist Praunheims HÄRTE vor allem auch ein Plädoyer für die zweite Chance, die Möglichkeit zu Resozialisation und Neuanfang, die jeder Mensch verdient.

Jens Mayer

Details

Deutschland 2015, 89 min
Genre: Biografie
Regie: Rosa von Praunheim
Drehbuch: Rosa von Praunheim, Nico Woche, Jürgen Lemke
Kamera: Nicolai Zörn, Elfi Mikesch
Schnitt: Rosa von Praunheim
Musik: Andreas M. Wolter
Verleih: missingfilms
Darsteller: Hanno Koffler, Luise Heyer, Katy Karrenbauer, Andreas Marquardt, Marion Erdmann, Rüdiger Götze
FSK: 16
Kinostart: 23.04.2015

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