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Fallende Blätter

Die Wiederkehr der Liebe, der Musik und des Kinos

Aki Kaurismäki ist in seinem Spätwerk kein Regisseur der Melancholie und des Verlusts, sondern einer der Hoffnung und der Wiederkehr. In seinen Filmen erhalten Menschen eine zweite Chance, manchmal gar ein zweites Leben.

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„Oh, je voudrais tant que tu te suviennes“ („Ich wünscht so sehr, dass du dich erinnerst“). Der französische Titel von Aki Kaurismäkis Film FALLENDE BLÄTTER ist LES FEUILLES MORTES, wie der Chanson von Jacques Prévert und Joseph Kosma, der zunächst in den Versionen von Yves Montand und Juliette Greco bekannt wurde, bevor er als „Autumn Leaves“ in hunderten Versionen von Nat King Cole, Frank Sinatra, Nina Simone und anderen zum Welthit wurde. LES FEUILLES MORTES ist ein Liebeslied über die Erinnerung an ein Lied über die Liebe: „C’est un chanson qui nous resemble/Toi, tu m'aimais et je t'aimais“. („Es ein Lied, das uns gleicht, du liebtest mich, ich liebte dich“). Serge Gainsbourgh sollte später mit „La Chanson de Prévert“ noch eine Volte drauflegen, indem ihn wiederum das Lied von Prévert und Kosma an die verlorene Liebe erinnert: „Et chaque fois les feuilles morte, me rapelle a ton souvenir. Jour aprés jour, nos amour morte, ne finniez pas de mourir“ („Die fallenden Blätter erinnern mich jedes Mal an dich. Tag für Tag hören unsere toten Lieben nicht auf zu sterben“) Liebe ist in Gainsbourghs und Préverts Chansons eine Erinnerung an ein Lied über die Erinnerung an ein Lied über die Liebe, die immer schon verloren ist.

Aki Kaurismäki aber ist in seinem Spätwerk kein Regisseur der Melancholie und des Verlusts, sondern einer der Hoffnung und der Wiederkehr. In seinen Filmen erhalten Menschen eine zweite Chance, manchmal gar ein zweites Leben (DER MANN OHNE VERGANGENHEIT). FALLENDE BLÄTTER ist ein Film über die Wiederkehr der Liebe, der Musik und des Kinos. Es geht um die Arbeiterin Ansa (Alma Pöysti) und den Arbeiter Hollapa (Jussi Vatanen). Sie wird im Supermarkt entlassen, weil sie abgelaufene Waren in die Handtasche gesteckt hatte, er wird entlassen, weil er auf der Arbeit getrunken hat. Sie beginnt, in einer Fabrik zu schuften, er trinkt weiter und verliert immer schlechtere Jobs. Sie warnt ihn: Ihr Vater und ein Bruder hätten sich zu Tode getrunken, und sie macht das nicht noch einmal mit. Er hört auf zu trinken. Die Blätter fallen, sie gehen, sich liebend eine Herbststraße entlang.

In FALLENDE BLÄTTER gibt es zwei Welten. Die eine besteht aus schäbiger, schwerer Arbeit in lebensfeindlichen Umgebungen, Alkoholismus, dem Ukraine-Krieg im Radio, der Angst vor dem Alter und der Einsamkeit. Dem gegenüber steht eine andere Welt des sanftmütigen Humors, des Kinos und der Musik. An jeder Wand hängen Plakate von Filmen, die Kaurismäki liebt. Einmal geht das Paar ins Kino und sieht Jim Jarmuschs Zombie-Film THE DEAD DON’T DIE. Zwei Kinobesucher kommentieren: „Der Film hat mich an TAGEBUCH EINES LANDPFARRERS von Bresson erinnert“, sagt einer, „Mich hat er an Godards DIE AUSSENSEITERBANDE erinnert“, sagt der andere. In einer Karaoke-Bar singt ein Mann im ZZ-Top T-Shirt einen Rock-Song. Hollapas Kollege Hannes singt einen melancholischen finnischen Tango, jemand singt Schuberts „Ständchen“. Das ist Kaurismäkis Utopie: eine Welt, in der man mit Bresson und Godard über Zombies redet, und in der „Leise flehen meine Lieder“ ein Kneipenhit ist. Kaurismäki führt auf verlorenem Posten seinen Kampf um eine Welt, in der poetischer Realismus zur Wirklichkeit geworden ist.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Kuolleet Lehdet
Finnland 2023, 81 min
Genre: Tragikomödie
Regie: Aki Kaurismäki
Drehbuch: Aki Kaurismäki
Kamera: Timo Salminen
Schnitt: Samu Heikkilä
Verleih: Pandora Film Medien GmbH
Darsteller: Alma Pöysti, Jussi Vatanen
FSK: 12
Kinostart: 14.09.2023

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Vorführungen

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