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Die Sanfte

Odyssee durch eine allegorische Welt

Der ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa schickt in DIE SANFTE eine namenlose Frau auf der Suche nach ihrem inhaftierten Ehemann auf eine Odyssee durch ein Russland, das sich als allegorisches Gefängnis offenbart.

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Der in Deutschland lebende ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa schickt in DIE SANFTE eine namenlose Frau (Vasilina Makovtseva) auf eine Odyssee durch ein Russland, das sich als eine allegorische Welt offenbart, die ausschließlich durch ihren Bezug zum Gefängnis existiert. Ein Paket, das die Frau an ihren im Gefängnis sitzenden Mann geschickt hat, ist zurückgeschickt worden. Auf dem Postamt erfährt sie nichts über die Gründe. Sie fährt in die Gefängnisstadt, um das Paket selbst abzugeben, aber auch dort wird es nicht angenommen: „Es ist nicht gestattet“ heißt es lapidar und endgültig.

Die Frau will nicht aufgeben und bleibt in der Stadt, wo sie einem Panoptikum von Alptraumgestalten begegnet: dem Taxifahrer, der ihr erklärt, dass die Stadt nur existiert, weil es das Gefängnis gibt, und dass es sich ohne Gefängnis nicht leben lässt; der Schlepperin, deren Herberge eine Durchgangsstation zur Unterwelt ist, in der ehemalige Poeten heute vor allem mit dem Begrapschen von dicken Brüsten beschäftigt sind; den Kleingangstern und Prostituierten, den Großverbrechern, die ihr scheinbar freundlich aber unmissverständlich zu verstehen geben, was mit Frauen passiert, die ihre Männer nicht in Ruhe lassen. Überall herrschen Dummheit, Brutalität und weinerliches Pathos, das sich als „russische Seele“ versteht. Loznitsa und sein Kameramann Oleg Mutu fangen diese groteske Welt mit der souveränen, aus Loznitsas Dokumentarfilmen bekannten Methode ein. Die Kamera bleibt fast immer statisch, wobei die Kadrage die Gewalt der Architektur und Räume unterstreicht oder in Panoramaeinstellungen Räume für Parallelhandlungen öffnet, wie etwa eine Schlägerei, die beiläufig durch die Windschutzscheibe eines Polizeiwagens beobachtet wird, während ein Polizist der Frau erklärt, dass man jetzt ja noch freundlich sei, man aber auch anders könne.

DIE SANFTE ist eine außerordentlich eindringliche und schwer auszuhaltende filmische Erfahrung, auch wegen der omnipräsenten sexuellen Gewalt, die in einer langen Vergewaltigungsszene kulminiert. Dass hier alle Figuren als symbolische Repräsentanten unterschiedlicher Funktionsträger der russischen Gesellschaft angelegt sind, ist überdeutlich. Eine subtile Inszenierung ist DIE SANFTE ganz sicher nicht, eher eine kräftig angerührte Auf’s-Maul-Suppe, die am Ende, in der theatralischen Vision eines Festaktes noch einmal erklärt wird.

Man kann Loznitsas Hauptfigur, die ernste, stille und passive Frau, die überall herumgeschubst und missbraucht wird, wohl auch als Symbolfigur für die Ukraine sehen. Die Idee der symbolischen weiblichen Unschuld, die von barbarischen politischen Verhältnissen oder Gegnern der Nation geschändet wird, ist eine bewährte patriarchale Männerphantasie. Ob Loznitsa sich mit diesem Film in eine lange Propaganda-Tradition einreiht oder eine scharfe Polit-Satire gedreht hat, mag jede und jeder für sich entscheiden.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Krotkaya
Frankreich/ Niederlande/ Deutschland/ Litauen 2017, 160 min
Genre: Drama
Regie: Sergei Loznitsa
Drehbuch: Sergei Loznitsa
Kamera: Oleg Mutu
Schnitt: Danielius Kokanauskis
Verleih: Grandfilm
Darsteller: Vasilina Makovtseva, Marina Kleshcheva, Valeriu Andriuta, Liya Akhedzhakova
FSK: 12
Kinostart: 03.05.2018

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Die Sanfte

(Krotkaya) | Frankreich/ Niederlande/ Deutschland/ Litauen 2017 | Drama | R: Array | FSK: 12

Der ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa schickt in DIE SANFTE eine namenlose Frau auf der Suche nach ihrem inhaftierten Ehemann auf eine Odyssee durch ein Russland, das sich als allegorisches Gefängnis offenbart.

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