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Carol

Fahrt ins Grau-Blaue

In der Vorweihnachtszeit trifft das Ladenmädchen Therese (Rooney Mara) die glamouröse Hausfrau Carol (Cate Blanchett). Todd Haynes, Meister der Melancholie, hat mit CAROL eine elegische Geschichte über Aufbruch, Stagnation und Liebe im New York der 50er Jahre gedreht.

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Therese (Rooney Mara), aufgeweckt, spitznasig, mit einem Hauch von Jean Seberg und einer sehr großen Strickmütze über dem Pony, arbeitet in einem Kaufhaus in der Kinderabteilung. Sie ist halbherzig verlobt und mit großer Leidenschaft Fotografin. Kurz vor Weihnachten macht sie die Bekanntschaft einer mondänen Hausfrau aus den Vororten. Carol (Cate Blanchett), ganz Pelzmantel und Lippenstift, will ein Weihnachtsgeschenk für die Tochter, weiß aber gar nicht, was ihr Kind eigentlich mag und kauft schließlich eine ganze Modelleisenbahn. Und sie vergisst ihre Handschuhe. Absicht? Versehen? Wie auch immer, Carol und Therese sehen sich wieder und als Carols Ehestreitigkeiten eskalieren, brechen sie zusammen in Carols Auto zu einer Fahrt ins Blaue auf. Oder vielleicht eher zu einer Fahrt ins Grau-Blaue. Mehr als vom Aufbruch erzählt Haynes von den Gewichten, die den Aufbruch erschweren. Das fängt mit dem Blick durchs gusseiserne Gitter an, der den Film eröffnet und endet mit der Großaufnahme von Carols Gesicht, in dem ein Lächeln sich andeutet, es aber doch nicht an die Oberfläche schafft. Die Farben sind ebenso gedämpft wie die holprigen Gespräche. Nur wenige, bruchstückhafte Worte und Sätze brechen sich da Bahn und erscheinen dann wie geschwächt von ihrer langen Reise durch allzuviel Ungesagtes.
Dabei weiß Therese eigentlich ganz gut, was sie möchte, sie hat nur noch nicht den Mut, es sich auch einzugestehen. Carol dagegen, die souveräne, weltläufige Carol, die sich in einer Hotellobby mit Anmut zu bewegen weiß und am Steuer eines Autos am besten aufgehoben scheint, hat Selbstbewusstsein aber kein Ziel. Wie ein Amalgam aus Don und Betty Draper scheint sie zwischen ziellosen Leidenschaften und häuslicher Langeweile gefangen. CAROL könnte ebenso gut THERESE heißen, der Film ist ebenso Rooney Maras wie Cate Blanchetts Film. Aber wie schon in seinem 50er-Jahre Pastiche FAR FROM HEAVEN, in dem Julianne Moore einer unmöglichen Ehe mit einer unmöglichen Liebe zu entkommen sucht, ist Haynes auf der Seite der in der Vergangenheit gefangenen.

Hendrike Bake

Details

USA/Großbritannien 2015, 118 min
Genre: Drama
Regie: Todd Haynes
Drehbuch: Phyllis Nagy
Kamera: Edward Lachman
Schnitt: Alfonso Gonçalves
Musik: Carter Burwell
Verleih: DCM Film Distribution
Darsteller: Cate Blanchett, Kyle Chandler, Rooney Mara, Sarah Paulson, Jake Lacy, Cory Michael Smith, Carrie Brownstein
FSK: 6
Kinostart: 17.12.2015

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