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Austerlitz

Wie sieht „richtiges“ Gedenken aus?

An einem heißen Sommertag filmt Sergei Loznitsa die Besucher der Gedenkstätte Sachsenhausen. Eine Reflexion über Geschichte und Gedenken.

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An einem heißen Sommertag filmt Sergei Loznitsa die Besucher der Gedenkstätte Sachsenhausen. Es sind unglaubliche Menschenmengen, die sich durch das Tor mit der zynischen Aufschrift „Arbeit macht frei“ drängen. Die Gedenkstätte ist zu einem Ort geworden, den viele Berlintouristen im Programm haben, und die Besucher kommen meist in großen Busladungen. Loznitsas Kamera, die wie immer knapp unter Augenhöhe bleibt und sich in den einzelnen Einstellungen nie bewegt, zeigt nur selten das, was die Besucher betrachten. Loznitsa filmt die Besucher selbst, während sie mehr oder weniger interessiert den Ausführungen der Guides zuhören, während sie Schautafeln lesen, oder in ihren Sommeroutfits von zweifelhaftem Geschmack, die eher für einen Späti-Crawl als für den Besuch einer Gedenkstätte geeignet scheinen, eine Snackpause einlegen. Das erste Gefühl gegenüber den Bildern, die Loznitsa einfängt, ist moralische Empörung ob der allgegenwärtigen Selfies, gegenüber Leuten, die lächelnd vor Krematorien posieren oder sich in Fesselstellung an einem Pfahl fotografieren lassen, an dem einst Menschen hingerichtet und zu Tode gefoltert wurden. Die Empörung schlägt aber rasch in die Erkenntnis der eigenen Überheblichkeit um und in die Frage, wie denn „richtiges“ Gedenken aussehen soll. Die Besucher setzen sich immerhin bewusst der Erfahrung dieses Ortes aus, und Loznitsa fängt auch andere Bilder ein, etwa die Erschütterung auf dem Gesicht einer jungen Frau beim Lesen einer Tafel. AUSTERLITZ, der seinen Titel von einem Roman W.G. Sebalds übernimmt, wird zu einer Reflexion über Geschichte und Gedenken und schließlich auch selbst zu einer Führung durch das ehemalige Konzentrationslager, bei der gerade das, was in den Bildern nicht gezeigt wird, in seiner Abwesenheit eine erschütternde Präsenz gewinnt.

Tom Dorow

Details

Deutschland 2016, 94 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Sergei Loznitsa
Drehbuch: Sergei Loznitsa
Kamera: Sergei Loznitsa
Verleih: déjà-vu film
Kinostart: 15.12.2016

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