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3 Tage in Quiberon

Der Welt abhanden gekommen

3 TAGE IN QUIBERON erzählt von jenen drei Tagen im Herbst 1981, in denen das legendäre Stern-Interview entstand, das als eine Art Vermächtnis der Schauspielerin Romy Schneider gilt.

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3 TAGE IN QUIBERON, diese lakonische Knappheit ist programmatisch zu verstehen: Schon im Titel beansprucht Emily Atefs Hommage an die österreichische Schauspiel-Ikone Romy Schneider keine Deutungshoheit, keinen Anspruch zu einer allgemeinen Aussage über die seinerzeit, nach ihrem Bruch mit dem SISSI-Image, von der deutschen Presse verfemte Schauspielerin. Sondern: Es geht um eine Momentaufnahme, fast wie ein Polaroid. Drei Tage. In Quiberon.

Drei Tage im März 1981, an der herben Küste der Bretagne, im Nicht-Ort eines Fastenkur-Hotels im kühl modernistischen Stil. Drei Tage, in denen das große, legendäre Stern-Interview entstand, das nicht nur deshalb als eine Art Vermächtnis der Schauspielerin gilt, weil es knapp ein Jahr vor ihrem zu frühen Tod eines ihrer letzten privaten Lebenszeichen darstellt, sondern auch, weil sie sich darin von ihrer verletzlichsten Seite zeigte - mit Sätzen wie “Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider”.

Für das deutsche Publikum, das mit der Weltsehnsucht der Schneider lange fremdelte, machte das Gespräch die Melancholie der Schauspielerin auf eine Weise fassbar, dass man darin vielleicht tatsächlich den Ausgangspunkt für eine nachträglich geleistete Versöhnung sehen kann. Um diese an manische Depression grenzende Melancholie geht es auch Emily Atef, wenn sie just jene drei Tage aus dem breiten Strom an Romy-Anekdoten vom Rest isoliert, gerade so, wie auch der Aufenthalt in Quiberon die Schauspielerin aus ihrem Umfeld holt. Fast schon kammerspielartig nimmt sich 3 TAGE IN QUIBERON daher aus: Schneider ist der Welt abhanden gekommen, als deren Repräsentanten sich die (aus rechtlichen Gründen umbenannte) Jugendfreundin Hilde (Birgit Minichmayr), Stern-Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) und der Fotograf Robert Lebeck (Charly Hübner) einfinden.

ZWEI GESICHTER EINER FRAU heißt einer der letzten Filme Schneiders, entstanden ebenfalls 1981, Regie: Dino Risi. Zwei Gesichter dieser Frau zeigt auch Emily Atefs schöner Film: Da ist die am Boden zerstörte, schwerfällig im Leben gestrandete Romy (Marie Bäumer), die kaum aus den Kissen findet, wenn Hilde bei ihr eintrifft. Und dann ist da jene glückselig lachende Romy, von der jeder Schwermut abfällt, sobald in einer Hafenbar der Alkohol sprudelt und sie mit einem Clochard (ein Cameo des französischen Bohème-Schauspielers Denis Lavant) zu Deep Purples “Hush” ekstatisch tanzt - ein toller, magischer Rock’n’Roll-Moment, in dem sinnlich greifbar wird, in welchen Enge-Verhältnissen sich Schneider wähnte und welche Freiheitslust sie antrieb.

Atef filmt das alles sehr frei, weit weg von der verplombten, süßlich-kunsthandwerklichen Überhöhung, zu der das Hommage-Kino gerne neigt. Stattdessen wählte sie ein schön körniges Schwarzweiß, das sich an Robert Lebecks Reportage-Fotografien anlehnt, die zu den schönsten fotografischen Schneider-Porträts zählen. Die Erzählhaltung ist fragil: Wenig wird ausgesprochen, das meiste eher ertastet - insbesondere Jürgs, von Atef anfangs eine Spur zu sehr als schmierig-manipulativer “bad guy” in Szene gesetzt, macht hier eine Entwicklung durch, die Gwisdek eher in Nuancen durchscheinen lässt.

Überhaupt ein toller Schauspieler-Film, in dem jeder auf sehr eigene Weise strahlen kann – vor allem der leicht gegen sein Image besetzte Charly Hübner und Marie Bäumer, die hinter dem Image der verletzlichen Diva verschwindet und sich ganz in den Dienst ihrer Rolle stellt, bis man tatsächlich den Eindruck hat, Romy Schneider sei für einen letzten Film aus dem Kino-Olymp auf die Erde zurückgekommen.

Über weite Strecken spielt 3 TAGE IN QUIBERON nur in Hotelzimmern. Diese räumliche Begrenzung schafft Raum fürs Wesentliche: Das Drama einer Frau am (unbewussten) Ende ihrer Karriere, die emotionalen Höhen und Tiefen einer Depressiven, die tiefen Verletzungen einer Schauspielerin, die vom mehlspeisigen Kneipenboulevard der Revolverblätter zum Abschuss freigegeben war: Immer wieder toll ist es, wenn Bäumer/Schneider diesen Schmerz abwirft, herumtollt, oder mit Hübner/Lebeck auf zärtlich-freundschaftliche Weise in der Kiste landet.

Natürlich gab es zuvor schon einen anderen großen Porträtfilm über Romy Schneider. Die Rede ist nicht von ROMY mit Jessica Schwartz aus dem Jahr 2009, sondern von Hans-Jürgen Syberbergs 1967 für den Bayerischen Rundfunk entstandenen Essayfilm ROMY - PORTRÄT EINES GESICHTS, der den formalästhetischen Aufbruchsgeist der Kino-Moderne der 60er atmet. Auch darin steht ein Gespräch mit der Schauspielerin im Mittelpunkt, es geht um Sinnfragen, ihre Verzweiflung. Sicher, diesem Film fügt Atefs Film im Grunde wenig an Erkenntnis hinzu. Doch sei’s drum: Eine schöne Hommage im Jahr 2018, die die Falltüren des deutschen Förderkinos weitgehend umgeht - das ist beileibe nicht das Schlechteste, um die Erinnerung an eine große Künstlerin wachzuhalten.

Thomas Groh

Details

Deutschland 2018, 115 min
Sprache: Deutsch
Genre: Biografie, Drama
Regie: Emily Atef
Drehbuch: Emily Atef
Kamera: Thomas Kiennast
Verleih: Prokino
Darsteller: Marie Bäumer, Birgit Minichmayr, Charly Hübner, Robert Gwisdek, Vincent Furic
FSK: oA
Kinostart: 12.04.2018

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