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„Man muss etwas zurücklassen, um weitermachen zu können“

Interview mit Joachim Trier zu LOUDER THAN BOMBS

Nach seinem ausgezeichneten Filmdebüt AUF ANFANG (2006) und dem Drama OSLO, 31. AUGUST (2011) über einen jungen Mann, der seinen Selbstmord beschlossen hat, hat der norwegische Regisseur Joachim Trier mit LOUDER THAN BOMBS seinen ersten englischsprachigen Film mit internationalen Stars wie Isabelle Huppert, Gabriel Byrne und Jesse Eisenberg realisiert: Drei Jahre nach ihrem Unfalltod einer bekannten Kriegsfotografin werden der Ehemann und die beiden Söhne wieder mit den Hintergründen und den Umständen ihres Ablebens konfrontiert und dazu gezwungen, sich auch mit sich selbst und ihren Beziehungen untereinander auseinanderzusetzen. Die dysfunktionale Familie wird bei Trier zum Nachkriegsschauplatz, der verborgene Enttäuschungen, Sehnsüchte, Wunschbilder und Familiengeheimnisse offenbart.

INDIEKINO BERLIN: Die von Isabelle Huppert verkörperte Kriegsfotografin in LOUDER THAN BOMBS sagt im Film sinngemäß, dass die besten Fotos entstehen, wenn das Ereignis vorbei ist. Können sie das näher erläutern?


Joachim Trier: Während der Vorbereitung auf den Film habe ich mit einer Reihe von Kriegsfotografen gesprochen und viel über das Thema gelesen. Isabelle erklärt im Film, dass sie bei ihrer Arbeit anfangs an der Direktheit des Krieges interessiert war. Im Laufe der Zeit habe sie aber verstanden, dass die interessanteren Dinge passieren, wenn die Panzer verschwunden sind. Sie macht Fotos von Menschen und deren Leben mit den Nachwirkungen des Krieges. Ich habe ein Jahr lang damit verbracht, mich mit Kriegsfotografien auseinanderzusetzen und stimme dieser These zu. Unter den Bildern, die ich mir angesehen habe, waren viele dieser unmittelbaren Fotos mit Explosionen und schlimmen Kriegsszenen. Schmerzhafter und berührender waren aber andere, nämlich die, auf denen Menschen gezeigt werden, die versuchen während des Krieges ihr normales Leben aufrecht zu erhalten. Die große Kriegsfotografin Alexandra Boulat, deren Bilder wir, neben anderen, im Film benutzen durften, hat beispielsweise Bilder in Gaza aufgenommen, auf denen eine Schulklasse versucht, Unterricht zu halten, obwohl das Gebäude komplett zerbombt ist. Oder sie zeigt eine Mutter, die versucht eine Mahlzeit zuzubereiten, obwohl es kein Licht gibt und um sie herum nichts funktioniert.

Ihr Film setzt ebenfalls ein, als die eigentliche Tragödie schon eine Weile zurückliegt – der Unfalltod Isabelles ist drei Jahre her. Die zurückgebliebenen Familienmitglieder kämpfen in ihrem Alltag immer noch mit den Folgen.

Es ist das Porträt eines Trauerprozesses. Während wir das Drehbuch geschrieben haben, habe ich Susan Sontags wundervolles Buch „Regarding the Pain of Others“ (dt. „Das Leiden anderer betrachten“) gelesen. Darin geht es darum, wie der Krieg in der Kunst repräsentiert wird – speziell in der Geschichte der Kriegsfotografie . Sie spricht darin viel vom Indirekten und der Poesie, und auch davon, wie man auf diese Weise ein bestimmtes Anliegen transportieren kann, ohne sein Subjekt auszubeuten. Genau auf diese Weise nähern wir uns dem Drama. Ich interessiere mich nicht für die Sentimentalität des großen Schocks, sondern dafür, wie er die menschlichen Charaktereigenschaften freilegt und auf diese Weise existentielle Themen zum Vorschein kommen.

Welche sind das im Falle von LOUDER THAN BOMBS?

Der von Jesse Eisenberg verkörperte ältere Bruder hat seine Mutter verloren, die er bewundert hat. Doch genau diese Bewunderung erschwert seinen Trauerprozess noch mehr, denn sie hat sich wahrscheinlich selbst umgebracht. Damit sieht er sein Selbstkonstrukt in Frage gestellt: Kann ich Schwäche bei einer Person, die ich dermaßen bewundere, akzeptieren? Oder verschließe ich meine Augen davor und lebe mein Leben wie bisher? Als er selbst Vater wird, muss er sich diesem Konflikt erneut stellen. Das ist eine schwierige Situation, wenn das Problem mit den eigenen Eltern noch nicht behoben ist. Es ist ein vollkommen alltäglicher Konflikt, Menschen machen das jeden Tag durch. Wenn man selbst ein Kind bekommt, beginnt man plötzlich damit, Fragen nach den eigenen Eltern zu stellen.

Neben dem älteren Sohn Jonah, den Eisenberg spielt, gibt es in der Familie auch noch Conrad (Devin Druid), der andere Probleme hat.

Der kleine Bruder hat ein schwieriges Sozialleben, denn er ist sehr introvertiert und schüchtern. Er hat das Gefühl, dass er in der Schule und den anderen sozialen Cliquen nicht dazugehört. Er findet ein Leben online, für ihn ist das eine positive Sache. Doch sein Vater Gene, gespielt von Gabriel Byrne, erwartet andere Dinge von ihm. Weil seine Ehefrau von ihm gegangen ist, denkt er, dass er einen starken Draht zu Menschen hat, die sich selbst verlieren und reagiert übersensibel. Er ist nicht dazu in der Lage den Sohn als den zu sehen, der er ist. Genau das sind die Auseinandersetzungen, für die ich mich interessiere.

Der Film ist auf der Beziehungs- und Charakterebene äußerst vielschichtig und sehr komplex.

Es ist schwer, so etwas zu pitchen. Wir leben in einer Welt, in der jede neue Story in 30 Sekunden gepitcht werden muss. Sonst hat sie keine raison d’etre – sie darf also nicht existieren. Ich hasse das, ich hasse das wirklich sehr. Ich möchte in einer Welt leben, in der etwas, mit dem ich mich beschäftige, die Möglichkeit bekommt sich zu entfalten. Andernfalls werden wir so dermaßen darin beschränkt, die Geschichten zu erzählen, die wir erzählen könnten. Zum Glück haben wir gute Journalisten und gute Filmemacher, die das tun – und wir haben den Roman! Bücher dürfen immer noch groß sein. Es ist glücklicherweise immer noch allgemein akzeptiert zu sagen, dass man gerne viel Zeit mit einem Buch verbringt.

Isabelle spricht im Film auch darüber, wie sehr es den Kontext verändert, je nachdem welchen Bildausschnitt man wählt. LOUDER THAN BOMBS zeigt verschiedene Szenen aus unterschiedlichen Perspektiven. Zum Beispiel folgt der Vater seinem Sohn heimlich. Später erleben wir die Gegenperspektive und erhalten einen ganz anderen Einblick in die Szene.

Richtig, mir geht es hierbei um Rekontextualisierung und Reinterpretation. Die Szene ist ein gutes Beispiel dafür. Etwas, das wir bereits gesehen haben, wird aus einem anderen Blickwinkel gezeigt. Das ermöglicht uns ein größeres Verständnis. In menschlichen Beziehungen ist es unser ultimatives Ziel, ein größeres Verständnis von beiden Seiten zu erhalten, statt uns nur subjektiv und narzisstisch mit dem zu identifizieren, was uns unsere eigene Beschränktheit innerhalb des Geschehens nahelegt. Es ist im Grunde ein humanistisches Vorhaben: Ich versuche die Situation zu öffnen und die Art und Weise, wie wir auf die Charaktere schauen, zu rekontextualisieren. Der Prozess ermöglicht es uns, etwas darüber sagen zu können, wie schwer es uns fällt, uns einander zu offenbaren. Selbst in engen Beziehungen ist das so, dabei würde man doch erwarten, dass es da eigentlich viel leichter sein müsste.
Ein Filmemacher muss ständig entscheiden, welche Szene er aus welcher Perspektive zeigt, um damit den Zuschauer in seinem Sinne zu manipulieren, wenn man das so sagen kann. Man muss sich darüber bewusst sein, dass man nicht alles zeigen kann, also geht es immer auch um das, was nicht gezeigt wird, um verborgene Geheimnisse. Das, was du nicht zeigst wird zum entscheidenden Punkt bei der Verbindung zum Publikum.

Der Film spielt auch mit den Themen Erinnern und Erinnerung. Sie arbeiten häufig mit Rückblenden.

Auch hier ist spannend, an was sich jemand nicht erinnert. Was wird versteckt, was wird unterdrückt – was ist präsent und was ist abwesend? Das Kino ist ideal dafür, mit dem Thema Erinnerungen zu arbeiten. Mich fasziniert vor allem die Tatsache, dass sie alles sind, was wir haben, wenn es um unsere Selbstwahrnehmung geht. Conrad, der jüngere Bruder im Film, hat zum Beispiel diese naive Vorstellung, dass er ein Mädchen beeindrucken könnte, indem er ihr sein Tagebuch zeigt – oder vielmehr einen Text, den er geschrieben hat. Er denkt, dass dieser die Fakten seines Lebens repräsentiert, also die Erinnerungen seines Lebens. Das ist eine elementare menschliche Vorstellung: Wir wollen uns mitteilen und hoffen darauf, für diese verborgene Darstellung von uns selbst geliebt zu werden.

Jeder der Protagonisten scheint in einer Rolle gefangen zu sein. Der Vater versucht dem Problem zu entkommen und Zugang zu seinem jüngeren Sohn zu finden, indem er eines von dessen Online-Spielen spielt. Er investiert viel Zeit in diese Mission, doch dann findet sie ein abruptes Ende.

Als ich für diese Szene recherchiert habe, habe ich mit einigen Gamern gesprochen. Davon gibt es mittlerweile Millionen und wir müssen akzeptieren, dass das ein Leben ist, das einige Menschen führen wollen. Sie sehen ihre Avatare aber nicht unbedingt als Repräsentation ihrer selbst. Ein Typ kann etwas erreichen, indem er eine Elfe spielt. Das ist in dieser Welt normal. Doch der Vater versucht diese Welt zu betreten, indem er etwas kreiert, was nach ihm aussieht, von dem er denkt, dass es ihn repräsentiert.

Die Szene als Vater und Sohn im Spiel aufeinandertreffen ist sehr komisch.

Bei aller Ernsthaftigkeit und Schwere, besitzt die Geschichte auch eine Menge Humor. Immer wenn ich den Film mit Publikum sehe, freue ich mich darüber, dass auch gelacht wird. Es ist mir wichtig, dass es diese gemischten Gefühlsreaktionen gibt.

Die Situation in der Familie nach dem Verlust der Mutter wirkt wie ein Standbild. Niemand ist richtig dazu in der Lage, mit den anderen zu kommunizieren. Es wird miteinander gesprochen, aber es scheint nichts zum Sender zurückzukommen. Wo liegt der Kern des Problems der Familie?

Wie ich schon sagte, ist die Trauer um eine bewunderte Person manchmal sehr schwierig. Die Figuren scheinen irgendwie festzustecken. Der Film handelt davon, wie sie wieder in Bewegung kommen. Man muss etwas zurücklassen, um weitermachen zu können, das ist die Kehrseite der Erinnerung.

Das Interview führte Jens Mayer