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Intermission Post

Bericht aus der Kinopause

Während für die meisten Leute die Woche am Montag beginnt, mit einem Arbeits- und Konzentrations-High am Dienstag und Mittwoch, beginnt die Woche für Kinoleute am Donnerstag, mit den besucherstärksten Tagen am Freitag und Samstag. Früher bedeutete der Donnerstag (und Mittwochabend) auch viel manuelle Arbeit: Die alten Filme wurden entkoppelt und verschickt, die neuen zusammengeklebt und auf Spulen transferiert. Heute wird vor allem das Programm digital umprogrammiert, aber natürlich werden immer noch Plakate auf- und abgehängt und alles fein für die neuen Filme gemacht. Zum allerersten Mal, solange ich denken kann, gab es gestern keine neuen Filme.

Auf dem Plan standen der neue Clint Eastwood DER FALL RICHARD JEWELL, Abel Ferraras innere Odyssee SIBERIA, Dokus über JEAN-PAUL GAULTIER und die taffe, kleine Spionin Marthe Hoffnung genannt CHICHINETTE, Roy Andersons Endzeitparabel ÜBER DIE UNENDLICHKEIT und das immersive Familiendrama WAVES von Trey Edward Shults. Noch bevor vergangenen Samstag per Senatsdekret alle Kinos in Berlin schließen mussten, trudelten die ersten Filmverschiebungen ein, nun sind fast alle Starts erstmal verschoben, die meisten auf unbestimmte Zeit oder auf den Herbst, was fast das Gleiche ist. Das Rad aus Produktion- Weltvertrieb-Festivals- Verleih-Kino-Kinomedien, das sich zuletzt immer schneller gedreht hatte, ist krachend zum Stehen gekommen.

Es war absehbar - ich persönlich fand sogar schon die Berlinale ein gewagtes Unterfangen - und trotzdem ein Schlag vor den Kopf. Wie im Nebel verbrachten wir und die meisten Kolleg*innen die letzte Woche mit Abwickeln und Absagen. achtung berlin, Alfilm, Sehsüchte, Visionär Filmfestival, die Diagonale, Russisch Dok und schlussendlich auch Cannes – alle verschoben oder abgesagt. Die Kinos sind zu, die Produktionen unterbrochen, die Festivals und Verleiher machen ihre Büros dicht, die Presseagenturen verschicken nurmehr Absagen, die Verteilfirmen haben nichts mehr zu verteilen, die Plakatfirmen nichts zu plakatieren und auch das Indiekino Magazin erscheint im April nicht.

Bemerkenswert fand ich die Freundlichkeit in all den eigenartigen Mails, die wir alle in der letzten Woche bekommen und geschrieben haben. Es geht allen an die Substanz, wer noch Geld kriegt, wird jetzt vorstellig, wer noch etwas schuldet, hält das zusammen, um die Miete bezahlen zu können, das Personal, den eigenen Unterhalt. Und dennoch überwogen die Fürsorge und die guten Wünsche. Wir sitzen nicht alle im selben Boot, aber die meisten von uns sitzen in ähnlich schlecht ausgestatteten Booten und sind sich dessen bewusst. Hauptsache gesund!

Andernorts ist man schneller. Universal hat als erstes das Auswertungsfenster, das sicherstellt, dass Kinofilme zuerst im Kino zu sehen sind und erst nach Ablauf einer bestimmten Zeit auf VoD erscheinen, gekippt. Die gerade erst gestarteten DER UNSICHTBARE und EMMA sollen schon ab dem 20.3. als Stream erhältlich sein, TROLLS: WORLD TOUR startet gar nicht erst im Kino. Es soll sich dabei um temporäre Maßnahmen handeln. Auch Warners BIRDS OF PREY wird, zumindest in den USA, frühzeitig als VoD erhältlich sein. In Deutschland wird der eksystent Filmverleih den Film ISADORAS KINDER über Isadora Duncans Tanzstück „Mother“ nur online starten – die Einnahmen allerdings mit den Kinos teilen. Ebenso hat sich der Grandfilm Verleih verpflichtet, Einnahmen aus Online-Verkäufen seiner Repertoirefilme mit den Partnerkinos zu splitten. Filmmedien wie Moviepilot & Kinozeit schwenken auf TV- und Serientipps um. Die epd Film sucht sich ihre Filmtipps aus den Mediatheken zusammen. Das Autokino boomt.

Es ist die Stunde der Streamingdienste. Das gilt nicht nur für Kinofilme. Gestern hatte ich mein erstes Online-Aikido-Training, und über die diversen Social-Media-Kanäle habe ich derzeit mehr Kontakt zu Freund*innen und Familie als noch vor zwei Wochen. Noch ist überhaupt nicht absehbar, ob es sich lediglich um ein Übergangsphänomen handelt oder ob dies die ersten Anzeichen eines fundamentalen Umbaus der Filmbranche oder sogar des gesamten gesellschaftlichen Lebens sind. Viel wird davon abhängen, wie lange der Ausnahmezustand dauern wird und wie vorsichtig sich das öffentliche Leben danach gestaltet. Um die Berliner Indies, die kleinen, selbst kuratierten Kinos, mache ich mir dabei eigentlich am wenigsten Sorgen - vorausgesetzt, der Senat macht sein Versprechen wahr und hilft den Betrieben über die nächsten Monate. Schwieriger wird es für mittelständische Betriebe mit einem älteren Publikum, die das Streamen gerade erst entdecken. Werden sie zurückkommen? Andererseits, sehnen wir uns nicht gerade alle nach Ausgang? Der nächste Kinobesuch wird ein Fest. Was wir dann sehen werden – exklusive Starts, das Beste aus 120 Jahren Filmgeschichte, Livestreams… werden wir sehen.

Hendrike Bake