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Interview

„Ich hatte große Lust darauf, eine Liebesgeschichte mit hässlichen Menschen zu erzählen“

Interview mit Ali Abbasi über BORDER

INDIEKINO BERLIN: Mr. Abbasi, die Vorlage für Ihren Film BORDER ist eine Kurzgeschichte. Warum weckte sie Ihr Interesse?

Ali Abbasi: Mein erster Film SHELLEY war ein totaler Flop, den haben in Dänemark vielleicht 400 Leute gesehen. Also suchte ich nach einer Geschichte, die etwas mainstream-tauglicher ist (lacht). Eine Kurzgeschichte von John Ajvide Lindqvist kam mir da gerade recht, immerhin ist er ein bekannter Autor und SO FINSTER DIE NACHT war ein Erfolg.

Was reizte Sie inhaltlich an der Geschichte?

In BORDER stecken viele Themen, die ich spannend finde. Aber unter anderem hatte ich große Lust darauf, eine Liebesgeschichte mit hässlichen Menschen zu erzählen, um es mal so auszudrücken (lacht). Mich stört nämlich sehr, welch verquere ästhetische Maßstäbe heutzutage im Kino und in den Medien allgemein herrschen. Wenn ich eine amerikanische Serie einschalte, dann sieht dort immer selbst eine Sekretärin, die vielleicht nur am Rande vorkommt, noch super attraktiv aus. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit. Wenn Nicole Kidman eine Serienkillerin spielt, dann glaube ich keine Sekunde lang, dass das eine echte Serienkillerin ist. Ich sehe immer die schöne Schauspielerin. Das ist für mich so schräg wie ein David Lynch-Film. Hollywood hat eine fast surreale Realität geschaffen, die mit der echten nichts zu tun hat. Denn in Wirklichkeit gibt es eben viele Menschen, die hässlich oder dick sind oder schiefe Zähne haben. Und die sind nicht bloß Witzfiguren oder Bösewichter, sondern sie haben eben auch Sex und ein Liebesleben und gebrochene Herzen.

Gleichzeitig erzählt BORDER auch vom Anderssein. Lag Ihnen das als Iraner in Skandinavien besonders am Herz?

Klar, ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man einer Minderheit angehört. Ich komme aus dem Iran, inzwischen lebe ich als brauner Mensch in einer weißen Gesellschaft. Da bin ich natürlich häufig „anders“. Allerdings würde ich denken, dass ein weißer Däne, der in einer Kleinstadt am Existenzminimum lebt, mindestens genauso sehr ein Außenseiter in dieser Gesellschaft ist. Soziale Unterschiede wiegen meiner Erfahrung nach heute fast schwerer als etwa eine andere Hautfarbe.

Aber Sie stimmen zu, dass Ihr durchaus fantastischer Film eine Metapher auf unsere unmittelbare Realität ist?

Sie können das auf jeden Fall so sehen, und Ihre Deutung ist nicht weniger wert als meine eigene. Trotzdem muss ich betonen, dass ich BORDER nicht gedreht habe, weil ich etwas über unsere Gesellschaft erzählen wollte. Wenn ich etwas zur Flüchtlingskrise oder zum Thema Terrorismus zu sagen habe, dann muss ich das nicht verklausuliert tun, sondern würde es ganz offensiv tun. Dafür brauche ich keine Trolle, die sich als gesellschaftliche Außenseiter fühlen. Was aber eben nicht heißt, dass ich es nicht sehr begrüße, wenn sich jemand, der als Ausländer in einem fremden Land lebt, mit der Geschichte identifiziert. Oder auch Homosexuelle oder andere so genannte Minderheiten.

"Solche Trial-and-Error-Momente gab es viele."

Lassen Sie uns über das Spezial-Makeup in BORDER sprechen (für das es ein paar Wochen nach unserem Interview sogar eine Oscar-Nominierung gab, Anm. d. Redaktion). Hatten Sie Respekt vor diesem Aspekt des Films?

Anfangs hatte ich erst einmal gar nicht vor, mit Spezial-Makeup zu arbeiten. Ich dachte, ich würde vielleicht Menschen finden, die tatsächlich anders und seltsam aussehen, mit denen ich arbeiten könnte. Allerdings merkte ich schnell, dass die Geschichte Laiendarsteller*innen womöglich doch zu viel abverlangt. Und unter den professionellen Schauspielern und Schauspielerinnen gibt es tatsächlich nicht sonderlich viele, die nicht im Großen und Ganzen eher konventionellen Schönheitsidealen entsprechen. Also ging es dann letztlich darum, möglichst zwei möglichst gute Personen für die beiden Hauptrollen zu finden – und dann zu sehen, wie wir sie optisch verwandeln können.

Wie haben Sie den richtigen Look für die beiden gefunden?


Die Schwierigkeit bestand darin, die richtige Gratwanderung hinzubekommen. Unsere Protagonistin Tina durfte nicht so schockierend aussehen, dass man ihr nicht zutrauen würde, einen Job beim Zoll zu haben. Aber gleichzeitig musste sie so sonderbar aussehen, dass man merkt, dass irgendetwas anders und sie nicht einfach nur unansehnlich ist. Als Referenz kamen mir die Neandertaler in den Sinn, denn die sahen ja ohne Frage sehr menschlich, aber eben gleichzeitig doch auch irgendwie wie eine eigene Spezies aus. Das war mein Ausgangspunkt, aber von da an lag natürlich der Großteil der Arbeit bei unserem tollen Trick- und Makeup-Team.

Dann ging es also ans große Ausprobieren?

Das könnte man vermutlich so nennen. Nicht aus Mangel an einer Vision, die mir vorschwebte. Sondern weil man trotz aller Zeichnungen und Skulpturen, die man anfertigt, oft erst im praktischen Test sieht, ob ein Look auch wirklich in den kleinen Details sitzt und wirkt. Also am lebenden Objekt, um es mal so auszudrücken. Ich erinnere mich noch an einen Makeup-Text mit unserer Hauptdarstellerin Eva Melander, bei dem ich fand, dass ihre Augen irgendwie nicht zum Rest des Gesichtes und der Figur passten. Sie wirkten zu wach, zu lebendig... Wir haben es mit allen möglichen Änderungen ausprobiert: trübe Kontaktlinsen, kleinere Pupillen, größere Augen. Nichts hatte den Effekt, nach dem ich suchte. Bis mir der Gedanke kam, dass die Augenlider schwerer wirken sollten und ich noch eine Schicht mehr Silikon auftrug. Das war’s! Solche Trial-and-Error-Momente gab es viele.

Haben Sie auch getestet, wie die Maske auf andere, also ein mögliches Publikum wirkt?

Zunächst einmal war ich selbst natürlich der wichtigste Gradmesser. Als bei einem Makeup-Test Eva aus dem Nebenzimmer kam und ich sie wirklich nicht mehr erkannt habe, wusste ich, dass wir es geschafft hatten. Natürlich wusste ich, dass sie es war, aber ich brauchte einen Moment, um es wirklich zu begreifen, weil nichts an ihrem Gesicht mehr nach ihr selbst aussah. Tatsächlich sind wir dann auch raus auf die Straße, weniger um die Reaktionen zu testen, sondern damit Eva ein Gespür dafür bekommt, wie es ist, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Die Menschen in Schweden sind ja gemeinhin sehr höflich und wohlerzogen, aber als ein Bus voller Schulkinder vorbeikam, konnten die ihren Blick nicht wirklich abwenden von Eva. Das war so eine Art Gütesiegel.

"Meine Interessen sind wirklich vielfältig. Von Josef Mengele bis zum Incredible Hulk."

BORDER wurde weltweit auf vielen Horror- und Fantasy-Festivals gezeigt. Ist Ihnen diese Kategorisierung überhaupt recht?

Sie stört mich nicht, aber begeistert mich auch nicht unbedingt. Für mich sind Genre-Bezeichnungen Marketing-Schlagwörter und nichts was mich als Regisseur wirklich beschäftigt. Ich selbst setze mich damit nicht auseinander, weder will ich irgendein Genre wiederbeleben noch will ich mit Genre-Konventionen spielen oder so. Wenn es mir dabei hilft, ein größeres Publikum zu erreichen, dann darf man BORDER sehr gerne als Horrorfilm bezeichnen. Aber es ist schon ein wenig seltsam, wie besessen das Kino von Genre-Begriffen ist. Bei Tolstois „Krieg und Frieden“ fragt doch auch keiner, ob das nun ein Kriegsdrama oder ein Historienroman ist. Ohne meinen Film jetzt mit „Krieg und Frieden“ vergleichen zu wollen (lacht).

Sie haben vorhin selbst das Schlagwort Troll verwendet, um Ihre Protagonistin zu beschreiben. Verrät das nicht viel zu viel?

Natürlich, aber über dieses Stadium sind wir leider längst hinaus. Anfangs dachte ich, dass es eine Art unausgesprochenen Konsens zwischen mir und den Journalisten gibt, dass gewisse inhaltliche Aspekte des Films dem Publikum nicht verraten werden. Aber dann schrieb doch einer, dass Tina ein Troll ist – und plötzlich taten es alle. Wäre es nach mir gegangen, würden wir darüber nicht sprechen, aber jetzt komme ich dahinter auch nicht mehr zurück. Leute, die vor dem Kino schon so viel wie möglich über einen Film lesen, gab es immer, genauso wie solche, die am liebsten rein gar nichts darüber wissen wollen, was sie erwartet. Doch um das Problem der Spoiler kommt man als Filmemacher im 21. Jahrhundert wohl einfach nicht mehr herum.

Es gibt ja in Skandinavien eine ganze Mythologie der Trolle. Haben Sie sich ausführlicher mit dem Thema beschäftigt?

Im Gegenteil, ich habe mich davon weit ferngehalten. Den Wikipedia-Eintrag über Trolle habe ich gelesen, aber das war es (lacht). Gerade weil es jede Menge Menschen gibt, die zu dem Thema sehr viel wissen und entsprechende Erwartungen haben. Ich habe also alles, was mir an Material über Trolle zur Verfügung gestellt wurde, links liegen gelassen und einfach meine eigene Interpretation dieser Wesen auf die Leinwand gebracht.

Weltpremiere feierte BORDER vor fast einem Jahr in Cannes, wo der Film quasi aus dem Nichts zu einem der ganz großen Gesprächsthemen des Festivals wurde. Wie haben Sie das damals miterlebt?

Schon am Tag nach unserem ersten Screening meinte unser Presseagent, BORDER sei Stadtgespräch. Ja sicher, dachte ich mir, nettes PR-Geschwätz eben. Aber dann stand ich abends in einer Schlange vor dem Kino, um einen anderen Film zu sehen, als hinter mir jemand zu seinem Kollegen sagt: Was machst Du hier, da drüben läuft BORDER, den musst du sehen. Und am gleichen Abend lief ich später nachts nach Hause, als jemand auf mich zustürmte und fragte, ob ich der Regisseur von BORDER sei. Er käme aus Russland und meinte, mein Film sei der beste, den er bisher gesehen habe. Das war schon ziemlich irre. Ich habe das schon genossen, auch weil mir klar war, dass man so etwas nur ein einziges Mal erlebt. Nach Cannes zu kommen, ohne dass mich irgendwer auf dem Schirm hat, und so positiv überrascht zu werden, das lässt sich nicht wiederholen.

Setzt Sie das fortan unter Druck, dass es plötzlich Erwartungen gibt?

Klar, das löst schon eine gewisse Nervosität aus. Alles andere wäre gelogen. Natürlich sagt man immer, dass Erwartungen von außen einen nicht interessieren, aber das ist meiner Meinung nach eher ein frommer Wunsch als die Realität. Die Frage ist einfach, wie man damit umgeht und darauf reagiert. Lars von Trier tut es, in dem er mit jedem Film etwas komplett anderes macht. Michael Haneke dagegen scheint den gleichen Film 16 Mal zu drehen, im Bemühen ihn jedes Mal noch ein wenig besser zu machen.

Und Sie?

Für mich kann ich nur sagen, dass meine Interessen wirklich extrem vielfältig sind. Von Josef Mengele bis zum Incredible Hulk, von iranischer Politik bis zur Wirtschaftssituation in Schweden – es gibt wirklich unglaubliche viele Themen, die mich beschäftigen. Ich hoffe einfach, dass ich noch ein paar Filme drehen kann bevor meine Glückssträhne vielleicht wieder abreißt. Und der nächste wird sicher spannend, denn der dritte Film ist oft ein Indikator dafür, in welche Richtung es für einen Filmemacher weiter geht. Aber wir werden es ja sehen.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann