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ALFILM SHORTS: Science-Fiction und zerrissene Welten

Drei Science-Fiction-Kurzfilme aus Marokko, Libanon und Palästina zeichnen zehn Jahre nach dem arabischen Frühling im Programm des Arabischen Filmfestivals ALFILM Bilder von erschütterten Weltanschauungen und aufbrechenden Systemen.

ELPIDE erzählt von einer autoritären Kultur, in der jedes Eigentum verboten ist und die Bevölkerung ab einem bestimmten Alter sackleinene Masken über dem Kopf tragen muss. Elpide ist ein kleiner Junge, der gern bunte Steine sammelt, und kurz vor seiner Initiation steht. Die libanesische Regisseurin Gaelle Azzam benutzt Elemente des Horrorfilms – die Masken erinnern an Slasherfilme der achtziger Jahre wie FRIDAY THE 13TH oder HALLOWEEN – und des Science-Fiction-Films, um eine Metapher auf ideologische Herrschaft zu gestalten, die allerdings so konkret ist, dass sie schon wieder unbestimmt bleibt.

Der mit dem César und dem Grand Jury Preis des Sundance-Festivals ausgezeichnete Kurzfilme SO WHAT IF THE GOATS DIE zeigt den Zusammenbruch eines Weltbildes. Der Ziegenhirte Abdellah muss Futter für seine Tiere holen und findet das Dorf im Tal nach dem Auftauchen außerirdischer Raumschiffe fast menschenleer. Abdellah schwankt zwischen Angst und Verleugnung, denn Außerirdische sind in seinem religiösen Weltbild nicht vorgesehen. Er begegnet einem betrunkenen Zyniker, und einer Frau, die das Ereignis als Chance begreift.

Der interessanteste Film des Programms ist der palästinensische Film IN VITRO, der palästinensische Identitätsfragen im Kontext einer postapokalyptischen Situation stellt. In Bethlehem – und anscheinend überall auf der Welt – hat eine Katastrophe die Menschheit unter die Erde getrieben. Eine Generation nach dem Ereignis ist verstorben, die Überlebenden haben eine dritte Generation genetisch so manipuliert, dass sie die Erinnerungen der Verstorbenen bewahrt. Alia, eine 30-jährige Frau, die aus dem Programm entstanden ist, spricht mit der sterbenden Gründerin des Projekts (Superstar Hiam Abbas) über Erinnerungen an Orte, die sie nicht kennt, und über die Unmöglichkeit einer Gegenwart, wenn die Vergangenheit stets präsent ist. Der Film ist im Split-Screen-Verfahren gedreht und zeigt während des Gesprächs immer wieder idyllische Kindheitsszenen einer imaginären Vergangenheit und Bilder von Flucht und Vertreibung. Fakten reichten nicht zum Aufbau eines Staates, man brauche das Pathos, sagt die Gründerin, aber was, wenn Alia sich gar nicht für die Staaten der Vergangenheit interessiert? Wie soll man erleben, wenn das Erleben vom Mythos beherrscht wird? IN VITRO stellt drängende Fragen der jüngeren palästinensischen Exilgenerationen.

Das Kurzfilmprogramm läuft im Rahmen des ALFILM Festivals.

Tom Dorow