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Wilson – Der Weltverbesserer

Verfilmung von Daniel Clowes Comic-Meisterwerk

Wilson ist einer dieser Typen, die einem am Tresen oder Cafétisch oder in der U-Bahn mit ihrer bescheuerten, bösartigen, verbitterten Weltsicht ein Ohr abkauen, einer, der alle hasst und vor allem sich selbst. Verfilmung der ultra-depressiven Graphic Novel von Daniel Clowes.

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Eine neue Verfilmung der Comic-Meisterwerke von Daniel Clowes, dem nach Ansicht der Indiekino-Redaktion genialsten Comic-Autoren (oder „Graphic Novel-Autoren, wenn man es gern ein bisschen bürgerlich respektabel haben will) der Welt, 16 Jahre nach dem grandiosen GHOST WORLD, der einst auch den Karrierestart für Scarlett Johannson, damals noch mit ihrem Original-Körper, markierte, war Anlass größter Aufregung. Clowes‘ WILSON von 2010 war seine erste Graphic Novel, die zuvor nicht als Serie erschienen war. Sie erzählt die Geschichte eines unerträglichen Typen mittleren Alters. Ein arroganter Verlierer, der seine eigene Mickrigkeit nur ertragen kann, indem er andere herunterputzt. Wilson hat keine Freunde, keinen Job, keine Familie und nicht einmal den Hauch von gesellschaftlichem Status. Erst als sein letzter „Freund“ wegzieht, merkt Wilson, dass er langsam im Begriff ist zu verschwinden, und versucht mit einer verzweifelten Aktion, wieder eine Person zu werden.

Der Comic besteht aus einseitigen strip-artigen Anekdoten aus Wilsons Leben, in denen sich erst allmählich eine Geschichte entfaltet. Clowes' „Wilson“ hat ein sehr eigenes Timing. Es ist ein Buch, das sich eher wie ein Gedichtband liest als wie eine lange Erzählung. Clowes zeichnet Wilson in unterschiedlichen Stilen, mal in seinem typischen, präzisen und elaborierten Stil, der die Tradition der ligne claire mit der unordentlichen Brutalität der Underground-Comics von Robert Crumb verbindet, mal in einem reduziertem und stilisierten Stil von klassischen Zeitungsstrips. Wilson ist Charakter und Comicfigur zugleich, eine alberne und unangenehme Figur, einer dieser eigentümlich körperlos-miefigen Typen, die einem am Tresen oder Cafétisch oder in der U-Bahn oder an der Bushaltestelle oder in der Supermarktkassenschlange mit ihrer bescheuerten, bösartigen, verbitterten Weltsicht ein Ohr abkauen, einer, der alle hasst, vor allem sich selbst, und zugleich der tragische Slapstick Clown in einer existentialistischen Screwball-Komödie.

Der Verfilmung unter der Regie von Craig Johnson, mit Woody Harrelson als Wilson und Laura Dern als dessen Ex-Frau Pippi gelingt es nur selten diese Balance zwischen Abscheu, Lächerlichkeit, Mitleid und Verachtung für Wilson zu halten. Es gibt hinreißend komische Szenen, und Harrelson hängt sich ebenso rein wie Laura Dern. Man kann in Harrelson Darstellung Wilsons Achselschweiß beinahe riechen, und Laura Derns drahtig zerzauster Kellnerin Pippi nimmt man die harten Zeiten, die sie durchgemacht hat, immer ab. Aber beider Spiel ist ein wenig zu körperlich, zu eckig und zu energisch, um auch die Müdigkeit, die Erschöpfung und die Einsamkeit ihrer Figuren aufscheinen zu lassen. Die beste Besetzung für Wilson wäre vielleicht Philip Seymour Hoffman gewesen, aber jemanden mit dessen Format und Körperlichkeit gibt es nicht noch einmal in Hollywood.

Wilsons Hass auf die Welt und sich selbst ist immer spürbar, aber der verzweifelte, ungeschickte Versuch, zugleich Kontakt mit der Welt herzustellen und sich darin zu behaupten, wird kaum deutlich. WILSON ist eine zwiespältige Kinoerfahrung. Craig Johnsons Film erinnert manchmal an Todd Solondzs Außenseiterfilme, die auch recht grausam mit ihren Figuren umgehen. Manchmal ist das sehr komisch, mal zum Frendschämen, manchmal kaum auszuhalten. Das Wiedererkennen eigener Mikro-Aggressionen nach Kränkungen, das Wilson in Clowes' Comic zu einer so menschlichen Figur macht, fehlt aber in Craig Johnsons Verfilmung.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Wilson
USA 2017, 94 min
Genre: Komödie
Regie: Craig Johnson
Drehbuch: Daniel Clowes
Kamera: Frederick Elmes
Schnitt: Paul Zucker
Musik: Jon Brion
Verleih: Twentieth Century Fox of Germany
Darsteller: Woody Harrelson, Laura Dern, Cheryl Hines, Judy Greer
FSK: 12
Kinostart: 29.06.2017

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