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Wem gehört die Stadt – Bürger in Bewegung

Streit um das Heliosgelände

Über mehr als zwei Jahre hinweg hat die Kölnerin Anna Ditges die Vertreter der drei Gruppen, die um die Bebauung des Heliosgeländes streiten, beobachtet. Nicht ohne Polemik zeichnet sie den Ablauf des Konflikts zwischen oft realitätsfremden Bürgern , undurchsichtig-flexiblen Projektentwicklern und der überforderten Verwaltung.

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Ein heiterer Sommermorgen im Kölner Stadtteil Ehrenfeld: Kleine Läden ziehen die Rollgitter hoch; ein Dönerkiosk wirft den Grill an, an den Ständen in der benachbarten Markthalle gibt es Espresso, Antipasti und belegte Brötchen, vor einem Club namens „Underground“ sprengt der zahnlückige Hausmeister im Totenkopf-Sweatshirt erst einmal die Straße. Und im Hintergrund ein Leuchtturm, wie man ihn eigentlich nur an der Nordsee vermuten würde: Der Heliosturm, errichtet Ende des neunzehnten Jahrhunderts als Blickfang für das Fabrikgelände und die Maschinenhalle der Helios AG, einer der ersten größeren Firmen für elektrotechnische Produkte in Deutschland.
Schnitt. Zwei namenlose Anzugträger stehen in einem in weiß gehaltenen Besprechungsraum vor einem Architekturmodell, das zeigt, wie rund um Leuchtturm und die heutige Markthalle eine Shopping Mall entstehen soll. Riesig, überdacht und klimatisiert. Stolz weisen sie darauf hin, dass das Konzept bereits bis ins Detail mit den Behörden vorbesprochen ist: „Das fällt nicht vom Himmel.“
Nicht jeder Bürger in Ehrenfeld teilt die Begeisterung. Der Inhaber der Espressobar in der Markthalle berichtet, dass er es nicht wagt, seinen Stand zu erweitern und umzubauen, weil die Zukunft der Halle völlig offen ist. Ein anderer Mieter berichtet den Tränen nahe, wie der neue Eigentümer des Geländes ihm keine Mieterhöhung, dafür aber eine happige Nebenkostenrechnung übersandte. „Ich hab‘ ihm dann eine Kopie meines Mietvertrags geschickt und ihn darauf hingewiesen, dass es dort heißt, „Nebenkosten inklusive.“ Eine Woche lang tat sich darauf erst einmal nichts. Dann kam die Kündigung.
Der kettenrauchende Bezirksbürgermeister will „Menschen zusammenführen“ „Was will der Bürger?“ fragt er. Um es herauszufinden, stapft er im Anzug durch das Brachland rund um die künftige Baustelle und verdrückt Brötchen in der Halle. Seine Beamten sind da schon weiter: Für sie bedeutet Bürgerbeteiligung „Veränderungen zu erklären“, und nicht, das geben sie offen zu, auf Alternativvorschläge einzugehen. Larmoyant beklagen sie ihr „hartes Brot“ und das Unverständnis der Bewohner Ehrenfelds.
Die stellen bei den Versammlungen Fragen nach bezahlbarem Wohnraum und Gentrifizierung, sprechen von der „Rückeroberung des öffentlichen Raums“ und gründen eine Bürgerinitiative, die Alternativvorschläge plant, sich in Arbeitsgruppen trifft, Feste organisiert, Geld sammelt und sich immer wieder – höflich – bemerkbar macht. Bis sie sogar von den Investoren auf dem Golfplatz wahrgenommen und entnervt besprochen wird.
Über mehr als zwei Jahre hinweg hat die Kölnerin Anna Ditges, die Autorin, Regisseurin und Autorin von WEM GHÖRT DIE STADT die Vertreter der drei Gruppen intensiv beobachtet. Nicht ohne Polemik zeichnet sie den Ablauf des Konflikts zwischen oft realitätsfremden Bürgern (eine in der Bürgerinitiative tätige Architektin mokiert sich über die Erwartung ihrer Mitstreiter, die Stadt könnte das Gelände in einen neuen Park einbetten), undurchsichtig-flexiblen Projektentwicklern und der überforderten Verwaltung (offen werden die beschränkten Mittel erwähnt, die eine eigentlich vorgeschriebene Bürgerbeteiligung hier vielleicht zum letzten Mal ermöglichen).
Am Ende zeichnet sich wider Erwarten tatsächlich eine Art dritter Weg jenseits der Extreme Mall und Stadtpark ab: Die Stadt kommt für alle Beteiligten überraschend auf den Gedanken, auf dem Gelände eine inklusive Universitätsschule einzurichten. Inzwischen hat der Kölner Stadtrat den Ankauf eines Grundstückes auf dem Gelände für den Bau der Schule beschlossen. Die Bebauungspläne werden derzeit erneut überarbeitet und sollen 2016 endgültig verabschiedet werden.

Christoph Selzer

Details

Originaltitel: Wem gehört die Stadt?
Deutschland 2014, 90 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Anna Ditges
Drehbuch: Anna Ditges
Kamera: Anna Ditges
Schnitt: Anna Ditges
Musik: Andreas Schäfer
Verleih: Film KinoText
Kinostart: 19.02.2015

Vorführungen

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