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Violette

Weil du so hässlich bist

Fantastische gefilmtes Biopic von Martin Provosts (SERAPHINE) über Violette Leduc, die bisexuelle, radikal sexuelle Autorin, die von Simone de Beauvoir protegiert wurde und hemmungslos in sie verliebt war.

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Von der französischen Autorin Violette Leduc ist aktuell kein einziges Buch in deutscher Übersetzung im Handel erhältlich. In Frankreich sind zwar ihre Werke beim renommierten Verlag Gallimard in Druck, aber populär ist die „hässliche“ Autorin auch nicht gerade. „Ist eine Frau hässlich, kommt das einer Todsünde gleich. Ist man schön, dreht man sich nach dir um, weil du so schön bist. Ist man hässlich, dreht man sich nach dir um, weil du so hässlich bist.“. Mit diesem Zitat Leducs beginnt Martin Provosts Biopic über Violette Leduc, die bisexuelle, radikal sexuelle Autorin, die von Simone de Beauvoir protegiert wurde und hemmungslos in sie verliebt war. Provost war nach seinem Film SÉRAPHINE auf einen unveröffentlichten Artikel von Violette Leduc über die Malerin Séraphine de Senlis aufmerksam gemacht worden. Violette war, wie Seraphine, eine Außenseiterin. Provost interessiert sich für den Ort, von dem aus beide Kunst erschufen, für die Einsamkeit, Zerbrechlichkeit und den Schmerz seiner Figuren.

Sandrine Kiberlain spielt Simone de Beauvoir als bürgerliche Aristokratin, mit einem freundlichen, kultivierten Selbstbewusstsein, das klare Grenzen setzt. Emmanuell Devos als Violette Leduc ist das Gegenteil: bei ihr ist alles exzessiv. Ständig muss ein Körperteil in Bewegung sein. Jede Zurückweisung der „Bastardin“ wie sie einen ihrer autobiographischen Romane nannte, führt sofort zu Panik. Jeden Zuneigungsbeweis beantwortet sie sofort mit sexueller Leidenschaft, die keinen Unterschied zwischen Geschlecht oder geschlechtlicher Orientierung des oder der Anderen macht. Während de Beauvoir ihre stets perfekten Kostüme wie eine Uniform der intellektuellen Macht trägt, kleidet sich Leduc in zusammengeklaubtes Zeug, das den Eindruck des Glamours erwecken soll, aber immer an übermäßiger Buntheit, einer Rüsche, einer Feder zu viel scheitert. Leduc erfährt eine Zurückweisung nach der anderen. Wem sie auch ihre Liebe anträgt, immer wird sie zurückgewiesen. So erscheint Leduc wie ein realistisches Gegenbild zur symbolischen Joe in Lars von Triers NYMPH()MANIAC. Nur bekommt Leduc keinen Sex. Sie kanalisiert ihre Unsicherheit, Angst und Nervosität in Literatur, die offenbar ähnlich transgressiv ist wie Emmanuell Devos´ Spiel. Es wäre schön, das mal nachzulesen. Vielleicht doch auf Französisch? Oder über ein Onlineantiquariat („Seiten gebräunt, leicht fleckig, einige Seitenränder geknickt, Schlagwörter: [Bastardin ; Verhängnis ; Liebe ; Hass ; Roman]“)? Eigentlich würde das ganz gut passen.

VIOLETTE ist ein virtuoser Film, auch wegen des fantastischen Kameramanns Yves Cape, der beleuchtet, als wäre die Sehnsucht ins Licht eingeschrieben. Violette, Ex-Schwarzmarkthändlerin ohne institutionelle Bildung, die in einem Drecksloch wohnt, steht in der Tür zu Simone de Beauvoirs großzügiger, bürgerlicher Boheme-Wohnung. Sie liebt und fürchtet Simone. Ihr Blick geht durch einen dunklen Salon in einen Flur, in den durch ein Fenster ein Strahl grellen Sonnenlichts fällt. Dahinter liegt, im Dunkeln, das Arbeitszimmer von Madame de Beauvoir. Ihr Schreibtisch ist nur von einer Leselampe beleuchtet. Madame schreibt im Dunkeln. Das Licht ist wie ein Schnitt zwischen den Frauen, zwischen ihren Klassen und zwischen Violettes Liebe und deren Erfüllung. Wenn Simone de Beauvoir aus ihrem Arbeitszimmer auf Violette zukommt, wirkt sie wie die Erlöserin, die das göttliche Licht durchschreitet und sich hinab zu den gewöhnlichen Menschen begibt. Das ist exakt Violettes emotionale Perspektive. Alle Szenen sind so sorgfältig komponiert, eine Lichtdramaturgie des Begehrens, von der kalt-verregneten, schattenlos blauen, unglücklichen Liebe zu dem schwulen Schriftsteller und Gestapo-Spitzel Maurice Sachs, über die Pariser Existentialisten-Boheme bis zum Farb- und Lichtrausch der Natur, als Violette allein eine Wanderung auf den Spuren Van Goghs unternimmt und ihr Haus in Faucon entdeckt. Das ist mit einer so leidenschaftlichen Perfektion gefilmt, wie es derzeit vermutlich nur Yves Cape (HOLY MOTORS, DIE NONNE) kann. VIOLETTE ist ein großer Film.

Tom Dorow

Details

Frankreich 2013, 139 min
Sprache: Französisch
Genre: Biografie, Drama
Regie: Martin Provost
Drehbuch: Martin Provost
Kamera: Yves Cape
Schnitt: Ludo Troch
Musik: Hugues Tabar-Nouval
Verleih: Kool Filmdistribution
Darsteller: Olivier Gourmet, Emmanuelle Devos, Sandrine Kiberlain, Catherine Hiegel, Hugo Malpeyre
FSK: 12
Kinostart: 26.06.2014

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