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Verbotene Filme

Alles alte Klamotten?

Nahezu 40 NS-Propagandafilme sind noch heute nicht frei zugänglich. Der Regisseur geht der Frage nach, worin die Gründe für ihr Verbot liegen und welche Wirkung diese Filme, die zum Teil als Raubkopien im Internet kursieren, noch heute haben.

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Das Lager sieht schon von außen aus wie ein Bunker. Das gelagerte Material ist in doppelter Hinsicht explosiv. Im Bundesarchiv lagern zahlreiche Filme aus dem alten, hochempfindlichen Nitrofilmmaterial, darunter 40 Filme, die seit ihrem Verbot durch die Organe der Alliierten in den 40er Jahren nicht wieder zur öffentlichen Vorführung freigegeben wurden. Dabei handelt es sich um einige der erfolgreichsten deutschen Filme überhaupt. 29 Millionen Besucher zählte der Zarah-Leander-Durchhaltefilm DIE GROßE LIEBE – dessen um ein paar Hakenkreuze gekürzte Fassung nach dem Krieg immer wieder gern auf der Nachmittagschiene der ost- und westdeutschen Fernsehkanäle gezeigt wurde. 20 Millionen sahen den antisemitischen JUD SÜSS. Das waren mehr Zuschauer als AVATAR (11 Mio.) oder TITANIC (18 Mio.) hatten.
Die Dokumentation VERBOTENE FILME zeigt zuvor selten gezeigte Ausschnitte aus den Filmen, fragt nach den Gründen für die Verbote und lässt Historiker, Filmwissenschaftler und Zuschauer in Deutschland, Israel, Frankreich und den USA Stellung nehmen. Vor allem aber steht immer wieder die Frage im Raum, was mit den Filmen geschehen soll. Eine Zensur ist im deutschen Grundgesetz ausdrücklich verboten, und der Umgang mit den sogenannten „Vorbehaltsfilmen“ scheint auf den ersten Blick nicht mehr zeitgemäß. Gerade die israelischen Zuschauer wirkten nach einer moderierten Vorführung des Films JUD SÜSS besonders sorglos: Man solle den Unfug einfach freigeben, das seien doch alles alte Klamotten, die keiner mehr glaube – so ist mehrheitlich der Tenor.
Dann allerdings sieht man einen sehr akademisch gekleideten Herrn, der nach einer Vorführung des antipolnischen Propagandafilms „Heimkehr“ im Münchner Filmmuseum allen Ernstes erklärt, der Film zeige die Realität der Unterdrückung der deutschen Minderheit in Polen und die polnischen Bemühungen, Zugriff auf die deutsche Stadt Danzig zu erhalten. Der Angriff auf Polen sei also kein Überfall gewesen, sondern nur eine Reaktion auf die polnische Mobilmachung. Dieser selbstbewusste, sich betont kultiviert gebende Geschichtsrevisionismus wirkt schockierender und barbarischer als zwei Ex-Neonazis, die von Partys erzählen, auf den man sich zu DER EWIGE JUDE amüsiert. Es wird klar, was Moshe Zimmermann von der Hebräischen Universität Jerusalem sagt: die Filme bergen nach wie vor die „Gefahr, dass Stereotypen zum Ausdruck kommen und sich festsetzen“.
Die Frage nach dem Umgang mit dem filmischen Erbe der Nazis muss immer wieder verhandelt werden. Dazu ist VERBOTENE FILME ein wichtiger Beitrag, der sich auf der Höhe des Forschungsstandes bewegt. Allerdings fehlt wenigstens ein Seitenblick auf das Nachleben der Nazifilme, die entweder nicht verboten wurden, weil sie ihre Botschaft subtiler verbreiteten als die expliziten Propagandaschinken, oder sehr schnell auf Betreiben der Filmindustrie und der Fernsehsender wieder freigegeben wurden. Der HITLERJUNGE QUEX liegt im Archiv begraben, sein Nachfolger QUAX, DER BRUCHPILOT etwa gilt nur noch als rasante Situationskomödie. Dass QUAX eben auch ein Mobilisierungsfilm gewesen ist, und zeigt, wie sich der Durchschnittsbürger im Nazismus zum Helden mausern sollte, spielte schnell keine Rolle mehr.

Tom Dorow

Details

D 2013, 98 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Felix Moeller
Verleih: SALZGEBER
FSK: 6
Kinostart: 06.03.2014

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