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Thelma

Zwischen Neurose und Horror

Als die strengreligiöse Thelma ein Studium beginnt und sich in ihre Kommilitonin Anja verliebt, beginnt sie, an seltsamen Anfällen zu leiden. Ist es Epilepsie oder machen sich satanische Fähigkeiten bemerkbar?

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Ein Mann geht mit seiner kleinen Tochter über einen gefrorenen See. Er hat ein Gewehr dabei. Die Kamera schaut von oben auf das Eis. Wie unter einer gläsernen Scheibe sind dort Fische zu sehen. Unerreichbar. Im Dunkeln. Auf eigenen Wegen unterwegs. Immer wieder gibt es in THELMA, dem neuen Film des Norwegers Joachim Trier (LOUDER THAN BOMBS) diese Draufsichten. Als Thelma, das kleine Mädchen vom Anfang, in Oslo ihr Studium beginnt, schaut die Kamera von oben auf den Campus. Weit weit unten wuseln die Studis durchs Bild und erinnern einen unwillkürlich an die Fische unter dem Eis. Gefangen, unergründlich, unerreichbar. Eine seltsame, kalte Distanz und ein latentes Gefühl von Bedrohung durchwehen THELMA.

Gefangen, unergründlich, unerreichbar – das ist auch in etwa der Eindruck, den Thelma und ihre Kommilitoninnen voneinander haben. Thelma kommt aus einem tief religiösen christlichen Haushalt. Sie trinkt nicht und sie hat keinen Sex, mit anderen jungen Leuten hatte sie offenbar noch nicht viel zu tun. Für die Mitstudierenden ist Thelma ein Kuriosum, aber auch Thelma blickt mit Abstand auf ihre Umwelt. Sie fühlt sich moralisch überlegen, ist zugleich einsam und weiß nicht, wie diese „normale“ Welt eigentlich funktioniert. Es ist so schwer, Freunde zu finden, erzählt sie ihrem Vater, als der sie besucht. Dann, eines Tages, hat Thelma in der Bibliothek eine Art epileptischen Anfall. Zuerst beginnen die Hände zu zittern, dann fällt Thelma vom Stuhl. Einige Tage später trifft sie die Studentin, die neben ihr gesessen hat, im Schwimmbad wieder. Anja fragt, ob es ihr besser geht. Es ist der Anfang von Thelmas erster Freundschaft. Doch umso intensiver Thelmas Gefühle für Anja werden, umso häufiger werden die „Anfälle“. Oder ist es möglicherweise umgekehrt? Sind die Krampfanfälle Ausdruck einer satanischen Macht, mit der Thelma Anja immer stärker an sich bindet? Zumal es offenbar schon früher in Thelmas Leben „Vorfälle“ gegeben hat.

THELMA balanciert auf einem schmalen Grad zwischen Psychodrama und übernatürlichem Thriller. Beide Lesarten sind gleichzeitig möglich und sinnvoll. THELMA ist die Geschichte einer schüchternen jungen Frau, die erste Schritte in einer neuen Umgebung unternimmt. Jede neue Übertretung verinnerlichter Grenzen führt zu schweren psychischen Erschütterungen. THELMA ist aber auch eine Geschichte, in der Dinge und Menschen plötzlich auftauchen und ebenso plötzlich und ohne Erklärung verschwinden, in der Vögel aus dem Nichts gegen Scheiben knallen, und in der intensive Wünsche auf magische Art drastische Wirklichkeit werden.

Joachim Trier hat sich bereits in seinen bisherigen Filmen als Meister des Atmosphärischen erwiesen. Hier inszeniert er die Ambivalenz zwischen Neurose und Horror so virtuos, das sich eine Art Gleichzeitigkeit im Denken einstellt. Die Frage, wo die Grenze zwischen Realität und Imagination, Erinnerung und Phantasma, Ursache und Wirkung verläuft, gerät in den Hintergrund. Vielleicht ist Thelma eben beides, schutzbedürftig und mit dem Satan im Bunde, hilflos und allmächtig, schuldig und unschuldig, Agentin und Getriebene, und ihre Geschichte ebenso wahr wie erfunden.

Hendrike Bake

Details

Frankreich/ Dänemark/ Schweden/ Norwegen 2017, 116 min
Genre: Romance, Science Fiction, Thriller
Regie: Joachim Trier
Drehbuch: Joachim Trier, Eskil Vogt
Kamera: Jakob Ihre
Schnitt: Oliver Bugge Coutté
Musik: Ola Fløttum
Verleih: Koch Films
Darsteller: Eili Harboe, Okay Kaya, Kaya Wilkins, Ellen Dorrit Petersen, Henrik Rafaelsen
FSK: 12
Kinostart: 22.03.2018

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