Magazin für unabhängiges Kino
Filmwecker
Filmnotiz

Neue Notiz

Little Fugitive

Joey in Coney Island

Wes Andersons Vorschlag für die „Coming-of-Age“-Retrospektive der Berlinale. In LITTLE FUGITIVE entkommt der siebenjährige Joey der Bande seines Bruders und treibt durch die Menschenmenge auf Coney Island.

Mehr

Die Retrospektive der Berlinale widmete sich 2023 dem Coming-of-Age. Dafür durften internationale Kinogrößen ihre liebsten Werke vorschlagen. Regisseur Wes Anderson reichte LITTLE FUGITIVE (dt. Titel: Der kleine Ausreißer) ein. Heute kaum einem breiten Publikum bekannt, erhielt er 1953 den Silbernen Löwen in Venedig und eine Oskar-Nominierung für die Beste Original Geschichte. Darin steht der siebenjährige Joey aus Brooklyn für einen Tag unter der Obhut seines älteren Bruders Lennie. Der hat aber andere Pläne. Mit seinen Freunden, eh vom anhänglichen Joey genervt, will er nach Coney Island. Hier lockt der Strand und der fantastische Steeplechase Park mit seinen weltberühmten Achterbahnen. Als die Jungs den kleinen Joey mit einem üblen Trick in die Flucht jagen, taucht der kurzerhand selbst im Getümmel unter.

Was LITTLE FUGITIVE für Anderson und zuvor schon für Truffaut oder Kubrick besonders machte, ist die Kameraführung. Eine 35mm-Kamera an den Bauch geschnallt, folgte Kameramann Morris Engel dem kleinen Protagonisten durch die Menge. Außer den Kinderdarstellern, der Mutter und zwei Schaustellern, gab es keine Rollen. Auf Augenhöhe mit Joey folgt die Kamera dem echten Treiben eines New Yorker Sommertags. Engel arbeitete mit seiner späteren Ehefrau zusammen, der Fotografin Ruth Orsky, und Autor Raymond Abrashkin (aka Ray Ashley). Das Trio füllte alle wichtigen Positionen: Buch, Regie, Kamera, Produktion, Schnitt. Fast ohne Dialoge entfaltet sich Joeys Abenteuer in schön gesetzten, schwarz-weißen Bildern. Menschenmassen am lichtdurchfluteten Strand. Buden, Tiere, der berüchtigte Parachute-Jump, die Lichter des Riesenrads am Abendhimmel. Joey, wie er eine riesige Wassermelonenscheibe isst, Pfandflaschen sammelt oder Pony reitet. Die rührenden und humorvollen Details öffnen einen vergangenen Mikrokosmos aus dem kindlichen, leicht verschreckten und doch neugierigen Blick.

Clarissa Lempp

Details

USA 1953, 75 min
Sprache: Englisch
Genre: Drama
Regie: Ray Ashley, Morris Engel, Ruth Orkin
Drehbuch: Ray Ashley, Morris Engel, Ruth Orkin
Kamera: Morris Engel
Schnitt: Ruth Orkin, Lester Troob
Musik: Eddy Lawrence Manson
Verleih: rapid eye movies
Darsteller: Richy Andrusco, Richard Brewster, Winifred Cushing, Jay Williams
FSK: 6
Kinostart: 21.12.2023

Website
IMDB

Vorführungen

Keine Programmdaten vorhanden.

ALLE ANGABEN OHNE GEWÄHR.
Die Inhalte dieser Webseite dürfen nicht gehandelt oder weitergegeben werden. Jede Vervielfältigung, Veröffentlichung oder andere Nutzung dieser Inhalte ist verboten, soweit die INDIEKINO BERLIN UG (haftungsbeschränkt) nicht ausdrücklich schriftlich ihr Einverständnis erklärt hat.