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The Duke of Burgundy

Entgrenzt-flirrende Zustände

In einer kaum greifbaren Zeit, in einer kaum greifbaren Welt angesiedelt, erzählt THE DUKE OF BURGUNDY von den subtilen Machtverschiebungen in der Liebesbeziehung zweier Schmetterlingsforscherinnen. Ein Film voller verspiegelter Kristallbilder und liebreizender, immer wieder unter die Haut gehender Sounds.

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Ein fast schon pastoraler Filmbeginn: Da sitzt eine junge Frau an einem idyllischen Gewässer im Wald, lauscht dem Plätschern und wartet. Dann besteigt sie ihr Fahrrad und radelt beschwingt, umschmeichelt vom entrückt-flirrenden Soundtrack von Cat’s Eyes, durch den herbstlichen Hain, durch ein altes Dörfchen. Das Bild friert ein, taucht in tiefes Rot: Der Filmtitel erscheint, in einer Serifen-Schrift wie aus einem softpornösen 70s-Drama. So geht das weiter: Stilisierte Schmetterlinge legen sich über den Vorspann, in einer Doppelbelichtung gerät das Close-Up-Profil einer weiteren Frau über die rot viragierte Totale, als seien beide Frauen miteinander verstrickt: Sonnenuntergangsglühen.
Es sind melancholische, so sinnliche wie uneindeutige Stimmungs- und Rätselbilder, mit denen Peter Strickland einen behutsam an die Hand nimmt und in einen kristallin-fragilen, sonderbar außerhalb der Zeit liegenden Erzählkosmos führt. Und dabei zugleich eine wehmütige Nostalgie triggert: Dem ersten Eindruck nach weht THE DUKE OF BURGUNDY wie aus einer anderen Zeit heran.

Die Frau auf dem Fahrrad heißt Evelyn (Chiara D'Anna) und allem Anschein nach ist sie die Bedienstete von Cynthia (Sidse Babett Knudsen), deren prächtig ausstaffiertes Anwesen sie unter deren herrischem Diktat reinigt. Hier, in diesem im Wäldchen gelegenen Haus, entfaltet sich der Film so wie aus einer Raupe über die Puppe ein Schmetterling wird: Ein traumwandlerisch gleitender Metamorphosen-Film. Dass zwischen Evelyn und Cynthia kein vielleicht sogar missbräuchliches Angestelltenverhältnis herrscht, deutet sich zunächst in Kleinigkeiten an: Cynthia richtet sich für ihre Auftritte als Hausherrin sorgfältig her. Evelyn wirkt beim Stiefelputzen über Gebühr nachlässig und schielt immer wieder erwartungsvoll zur Tür. Eindeutig wird es spätestens, als Cynthia Evelyn als Strafe für ihre Saumseligkeit in den Abort zieht – wobei die „Strafe“ sich allein auf der Tonspur vermittelt. DUKE ist ein herausragend dezenter, ein zarter, geradezu zärtlich anschmiegsamer Film.

Eine vorab abgesprochene sadomasochistische Séance also. Die herrische Distanziertheit zwischen Cynthia und Evelyn ist gespielt: Beide sind ein Paar, zwei Schmetterlingsforscherinnen in einer kaum greifbaren Zeit, kaum greifbaren Welt: Die Ausstattung verweist lose auf das späte 19., frühe 20. Jahrhundert (nur der Plastik-Plattenspieler stört den Eindruck), Männer gibt es in dieser anscheinend aus nichts als Wald und weiteren Schmetterlingsforscherinnen bestehenden Welt keine. Dafür aber einen enormen materiellen Überschuss im Dekor, den die sanft gleitende Kamera (Nicholas D. Knowland) beinahe schon taktil erfahrbar werden lässt: Eine durchfetischisierte Welt voller Oberflächen, die sich danach sehnen, ertastet zu werden. In gewisser Hinsicht stemmt sich THE DUKE OF BURGUNDY auch gegen den oft prognostizierten Verlust der Dingwelt im Zuge der Virtualisierung der Welterfahrung.

Auch Cynthia, die barsche Domina, ist zum beträchtlichen Teil ein Fetisch, ein um ein Begehren herum geschmiedetes, aufgeladenes Objekt. Auch hier entpuppt sich der Film: Nicht etwa sie, als Top, hält die Zügel in der Hand, sondern gerade umgekehrt ist es Evelyn, deren Fantasien und Wünsche die Beziehung definieren und strukturieren: In kleinen Notizen mit “Regieanweisungen” für den Tag etwa, oder mit post-orgasmischen Hinweisen, beim nächsten Mal doch bitte energischer im Auftritt zu sein. Cynthia gibt sich Mühe und ist doch zunehmend überfordert. Die Dominanz ist ein Akt der Liebe, den sie sich abringt. THE DUKE OF BURGUNDY ist eine minutiöse, wunderbar sanfte, unendlich traurige Erkundung einer emotional missbräuchlichen Beziehung zu erkennen, in der ein Ungleichgewicht der befriedigten Bedürfnisse herrscht.

Das ist nicht nur von ungeheurer Feinfühligkeit, was die Komplexitäten sadomasochistischer Beziehungen betrifft, wie sie seit Leopold von Sacher-Masochs Roman “Venus im Pelz” von Ästhetik und Theorie immer wieder diskutiert wurden; sondern auch von beträchtlicher ästhetischer Souveränität. Ähnlich wie in BERBERIAN SOUND STUDIO bildet auch hier das Kino der 70er Jahre Hintergrundrauschen und Werkzeugkasten zugleich. Beherzt bedient sich Strickland des vom Autoren-, Pop- und Para-Cinema in einer kaum aufgliederbaren Interzone von Maverick-Kino und Kunstambition erarbeiteten Vokabulars zur Darstellung entgrenzt-flirrender Zustände, und amalgamisiert daraus ein sehr zeitgenössisches Kunstmärchen. Stricklands Orientierungspunkte sind Jess Franco und Fassbinder, Stan Brakhage und Juraj Herz, Harry Kümel und León Klimovsky - und doch ist sein Kino mehr als lediglich epigonales Zitatekino.

THE DUKE OF BURGUNDY ist ein Film, der sehr aufrichtig, sehr originär davon handelt, sich mit Haut und Haar seinem Begehren hinzugeben - und vom Schmerz, der daraus resultiert. Ein Film voller verspiegelter Kristallbilder und liebreizender, immer wieder unter die Haut gehender Sounds, der geradezu danach verlangt, im Kino mit dem ganzen Körper genossen zu werden. Ein bittersüßes Meisterwerk, das in die Vergangenheit blickt - und dabei die Möglichkeiten eines zukünftigen, meta-modernistischen Kinos in Aussicht stellt.

Thomas Groh

Details

Großbritannien 2014, 104 min
Genre: Psychodrama
Regie: Peter Strickland
Drehbuch: Peter Strickland
Kamera: Nicholas D. Knowland
Schnitt: Matyas Fekete
Verleih: Salzgeber
Darsteller: Sidse Babett Knudsen, Chiara D`Anna, Eugenia Caruso, Monica Swinn, Fatma Mohamed
FSK: 16
Kinostart: 03.12.2015

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