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Taxi Teheran

Die subversive Kraft der Filmwelt

Der iranische Regisseur ist mit einem Berufs- und Ausreiseverbot belegt. Seinen Film TAXI TEHERAN hat er unter diesen Bedingungen mit einer kleinen Kamera, die auf dem Armaturenbrett befestigt ist, gedreht. TAXI TEHERAN ist eine Liebeserklärung an die Menschen, denen Panahi in der Rolle eines Taxifahrers begegnet, und eine an die Bedeutung und Lebendigkeit der Filmwelt.

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Der Mann auf dem Beifahrersitz und die Frau auf der Rückbank kennen sich nicht, doch schon nach einer Minute ihrer gemeinsamen Taxifahrt sind sie in eine erhitzte Diskussion über die Todesstrafe und die Scharia verstrickt. Noch schneller werden sie jedoch wieder herausgerissen – in welcher Richtung liegt das Krankenhaus? Der Beifahrer muss die falsche Wegbeschreibung seines Fahrers berichtigen und stellt erstaunt fest: „Das ist nicht dein richtiger Beruf, oder? Du willst ein Taxifahrer sein? Du bist wohl völlig am Ende, ganz unten angekommen.“

Der Fahrer stellt sich als Jafar Panahi heraus, einer der bekanntesten Regisseure des Iran (DER KREIS, OFFSIDE, CLOSED CURTAIN) und aufgrund vermeintlich regimekritischer Tätigkeiten mit einem 20jährigen Berufs- und Ausreiseverbot belegt. Abhalten kann ihn das nicht, er dreht auch unter den unmöglichsten Bedingungen weiter. Dies hier ist sein neuester Film, den er überwiegend mit einer im Armaturenbrett des Wagens befestigten Minikamera gefilmt hat. Dabei spielt er sich selbst und dient seinen Fahrgästen und den Zuschauern so als Reflektionsfläche für ihre ganz konkreten Erfahrungen mit dem gegenwärtigen iranischen Regime und der Gesellschaft, die es geschaffen hat, einerseits, für eine Meditation über Filme an sich und ihre neue subversive Kraft im Zeitalter der Digitalkameras und Smartphones andererseits.

Bei den restriktiven Bedingungen unter denen der Regisseur seine Arbeit fortsetzt, wäre alleine die Tatsache, dass er überhaupt immer weiter Filme dreht, fertigstellt und es schafft, sie am Regierungsapparat vorbei in die Welt zu senden, schon bedeutend genug. Dass er mit TAXI TEHERAN zudem aber auch ein ästhetisch außerordentliches und filmisch brillantes Werk geschaffen hat, das die zeitgemäßen Möglichkeiten des Mediums auf künstlerisch geniale Weise aufzeigt, hat auch die Jury des 65. Berlinale Wettbewerbs gewürdigt, die Panahis Arbeit mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet hat.

Bemerkenswert ist dabei, dass TAXI TEHERAN ein so leichter und heiterer Film geworden ist, der dieser bleiernen Zeit, in der er entstehen musste, geradezu lustvoll den Mittelfinger zeigt. Panahi hat mit seiner Mise en Scène im Innenraum des Fahrzeugs die ideale Möglichkeit gefunden, sich den nötigen Freiraum zu verschaffen; hier kann er nicht kontrolliert werden, hier übernimmt er selbst die Kontrolle. Damit gelingt es ihm auch eine Art umgekehrtes Selbstüberwachungssystem zu installieren – was als unerträglicher Eingriff des Staates in die Privatsphäre seiner Bürger der Repression dient, wird hier in den Dienst der Aufklärung einer globalen Solidargemeinschaft gestellt.

Der Film beinhaltet gleich mehrfache Liebeserklärungen. Zum einen an die Menschen dieser Stadt, die er so offenherzig und liebenswürdig portraitiert: Den gewieften Schwarzhändler, der seinen Kunden die neuesten Hollywood-Blockbuster, Arthousefilme und die Zombieserie „The Walking Dead“ besorgen kann („Ich habe sogar Dailies von Filmen, die noch gar nicht abgedreht sind“); zwei abergläubische alte Frauen, die alles daransetzen, zwei Goldfische zu einer bestimmten Zeit an einer bestimmten Quelle auszusetzen; das Opfer eines Verkehrsunfalls, das auf dem Weg zur Notaufnahme noch sein Testament in die iPhone-Kamera spricht, um seiner Ehefrau das Haus zu überlassen, das nach dem Recht ansonsten automatisch an seine Brüder fallen würde und sie obdachlos zurückließe und eine engagierte Menschenrechtsaktivistin, die hier von Panahis Anwältin Nasrin Sotude verkörpert wird. Sie wiederum hinterlässt der Filmgemeinschaft eine rote Rose.

Er ist auch eine ganz persönliche Hommage des Regisseurs an seine zehnjährige Nichte, die ihrem Onkel im Taxi von einem Filmprojekt für ihre Schule berichtet, und den Regeln, an die sie sich, laut ihrer Lehrerin, halten müsse, damit der Film nicht „unzeigbar“ werde. Dabei scheitere sie immer wieder an den tatsächlichen Begebenheiten. Mit ihrer Figur unterstreicht Panahi seine Hoffnungen für die kommende Generation, denn Hana will tatsächlich Filmemacherin werden und nahm unter Tränen der Freude und Rührung auf der Berlinale stellvertretend für ihn den Preis der Jury entgegen.

Doch zuallererst ist TAXI TEHERAN eine der schönsten Liebeserklärungen an die Bedeutung und die Lebendigkeit der Filmwelt, an die Passion und die Relevanz des Filmemachens. „Ich bin Filmemacher. Ich kann nichts anderes als Filme machen“, erklärt Panahi seinen Antrieb. „Mit Kino drücke ich mich aus, es ist mein Leben. Nichts kann mich am Filmemachen hindern.“ Einen nachdrücklicheren Beweis dafür als TAXI TEHERAN kann man sich kaum vorstellen.

Jens Mayer

Details

Originaltitel: Taxi
Iran 2015, 82 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Jafar Panahi
Drehbuch: Jafar Panahi
Verleih: Weltkino Filmverleih
Darsteller: Jafar Panahi
FSK: oA
Kinostart: 23.07.2015

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