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Star Wars: Das Erwachen der Macht

Widerstand war zwecklos

Auch 30 Jahre nach der Vernichtung des zweiten Todessterns ist die Befreiung von der Terrorherrschaft nicht gelungen. Der Sturmtruppler Finn, die Plünderin Rey und der Rebellenpilot Poe Dameron stehen den Anhängern der dunklen Seite der Macht gegenüber.

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Ich war 16, als der erste Star Wars –Film ins Kino kam, und am 17. August 1977, dem Tag, an dem Elvis Presley starb, als Austauschschüler in den USA gelandet. In Deutschland war es kurz vor Herbst, eine träge Mischung aus Hippie-Kultur und Biedermeier. In der amerikanischen Provinz trug man komische ultraweite Schlaghosen. Niemand besaß Computer. Wir saßen im Kino, und von oben schwebte das riesige, nicht enden wollende Raumschiff auf die Leinwand, das VOLLKOMMEN ECHT aussah. Dieser Film von George Lucas, der vorher eine nette, reaktionär-nostalgische Fünfziger-Jahre-Komödie gedreht hatte, haute uns von den Socken. STAR WARS war der Antipunk, das letzte große Beben des Stadionrocks auf der Filmleinwand, Kitsch, Märchen, Western, Macho-Quatsch, Muppets, irrwitzige Effekte, Hippiemystik und Kung Fu zu einem so grandiosen Quark verrührt, dass Widerstand zwecklos war. Die Apotheose des ganzen Blödsinns der siebziger Jahre. Die Liebe hielt bis 1980. Der zweite Teil war noch düsterer, ein noch größerer Todesstern, Luke-Ich-bin-dein-Vater, alles super. Zwischen Teil zwei und drei lagen drei Jahre Berliner Härte, Hausbesetzungen, Demos, Tränengas und wütenderer Sound, da kam Lucas einem mit Kuscheltieren und in die Kamera winkenden Jedis. Die Liebe war so gut wie vorbei. Von den Prequels habe ich nur Minuten gesehen. Schlechte CGI-Animationen, belanglose Dialoge, als hätte eine deutsche Michael-Ende-Verfilmung das Imperium geentert. Der Kram existiert nicht. Seit 32 Jahren also kein STAR WARS.
Gestern saß ich mit sämtlichen Berliner Filmschreibern im Zoo-Palast, durchaus bereit, später einen knallharten ideologiekritischen Verriss herunterzuhauen und fühlte mich kurz darauf wieder wie 16. Da kommt das riesige Raumschiff von oben und kurz darauf ist der ganze Saal ein paar Jahrzehnte jünger. In der Galaxie ist mal wieder Tohuwabohu, Luke Skywalker ist verschwunden, sein Jedi-Ausbildungsprogramm hat offenbar nicht besonders funktioniert und einen neuen Darth Vader-Ersatz (Adam Driver) produziert, der sich Kylo Ren nennt, übel böse ist, aber gelegentlichen Schwächephasen unterliegt und eine Truppe führt, die sich nicht mehr Imperium heißt, sondern First Order. General Leia hat den Piloten Poe Dameron (Oscar Isaac) ist auf einen Planeten geschickt um eine Karte zu holen, mit deren Hilfe Luke Skywalker wiedergefunden werden soll, der letzte Jedi-Ritter. Der Planet wird vom First Order attackiert, Kylo Ren nimmt Poe gefangen, der aber vorher die Karte in dem kleinen, fiependen und seufzenden Roboter BB-8 versteckt. BB8 kann entkommen und begegnet der Schrottsammlerin Rey, von der man schon ahnen kann, dass die Macht in ihr stark ist. Ein Stormtrooper mit Skrupeln entschließt sich zur Desertation und hilft Poe zu entkommen, ihr gestohlener TIE-Fighter wird aber abgeschossen. Nur Ex-Stormtrooper Finn scheint überlebt zu haben und kann sich in Reys Dorf retten. Weil er Poes Jacke trägt, wird BB-8 auf ihn aufmerksam, und als die First Order angreift, versuchen Rey und Poe in einem Raumschiff zu fliehen. Im Hintergrund steht Han Solos alter Millenium Falcon. „Das ist nur ein Haufen Schrott“, sagt Rey. Kurz darauf gibt es eine Explosion, und der alte Schrott muss gut genug sein. Dann geht es los.
STAR WARS: THE FORCE AWAKENS funktioniert wie eine Parallelgeschichte zu A NEW HOPE und THE EMPIRE STRIKES BACK. Die alten Recken tauchen alle wieder auf, zwischen Carrie Fischer und Harrison Ford gibt es eine rührende Wiedersehensszene, und auch die durch Alkohol- und Drogenexzess verwüsteten Gesichter der STAR WARS-Senioren wurden erstaunlich gut restauriert. Die neuen Figuren Rey und Finn wirken interessant genug für eine Reihe von Sequels. Finn, der als FN-148 programmierte Stormtrooper, der sein Gewissen entdeckt, einen Namen erhält und zum moralischen Subjekt zu werden versucht, erinnert an den jungen Han Solo, dessen aus CASABLANCA geklaute Storyline ihn vom charmant zynischen Schmuggler zum Widerstandskämpfer werden lässt. Reys Geschichte des spirituellen Erwachens birgt jede Menge Rätselstoff, ihre Herkunft ist noch ungeklärt, noch hat sie keinen Lehrer. Sie erinnert eher an die modernen, traumatisierten Marvel-Helden – auf jeden Fall eine interessantere Figur als Luke Skywalker. Der neue Schurke Kylo Ren hat eher etwas von einem Vampir als von einer Killermaschine, nicht so massiv wie Darth Vader, aber mit schöner Gothic-Eleganz. Die Effekte sind tatsächlich größtenteils analog, die Modelle sehen fast durchweg toll aus. Es gibt einen neuen, noch tödlicheren Todesstern, einen ganzen Planeten, der in Sekunden Sonnensysteme in Schutt und Asche legen kann, und der natürlich genau einen Schwachpunkt hat. Es gibt wieder eine lauschige intergalaktische Kneipe, die mindestens so detailreich ist wie Jabbas miese Hütte, und einen niedlichen weiblichen Joda-Ersatz fürs Herz. Es gibt einen Wüstenplaneten, einen Schneeplaneten und einen Waldplaneten, die 3D-Raumtiefe ist ähnlich beeindruckend wie in Peter Jackson LORD OF THE RINGS-Filmen. Selbst Luke Skywalker könnte die Chance bekommen, endlich eine interessante Figur zu werden. Dem Nerd-Glück und der erfolgreichen totalen Ausschlachtung des Franchise (Han Solo-Spinoff 2016, Teil VII 2017, Luke Skywalker Spinoff 2018, Teil IX 2019 etc.) steht nichts mehr im Weg. Ich verließ das Kino so beseelt, dass ich mir um ein Haar ein T-Shirt gekauft hätte.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Star Wars: The Force Awakens
USA 2015, 135 min
Genre: Abenteuer, Action, Science-Fiction
Regie: JJ Abrams
Drehbuch: J. J. Abrams, Lawrence Kasdan
Verleih: WDS - Walt Disney Studios
Darsteller: Adam Driver, John Boyega, Oscar Isaac
FSK: 12
Kinostart: 17.12.2015

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