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Staatsdiener

Rücksichtnahme interessiert nicht

Maire Wilkes Dokumentarfilm STAATSDIENER begleitet junge Polizeischüler bei der Ausbildung und bei ersten Einsätzen.

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Maire Wilkes Dokumentarfilm STAATSDIENER beginnt wie in einer ganz schlechten „Scripted-Reality“-Fernsehshow: Zwei arglos und ungeschickt wirkende Jungpolizisten bemühen sich, einen Streit zwischen zwei älteren Herren zu schlichten, als einer der beiden nach einem Messer greift. Schnitt. In einem schäbigen Gang stellen zwei andere Polizisten, die sich als Kommissaranwärter, also als Polizeischüler zu erkennen geben, einen Baseballkappe tragenden jungen Mann mit einem Kanister und nehmen ihm sächselnd ein Messer ab, die Hand permanent vorschriftsmäßig am Holster der Dienstwaffe. Schnitt. Zwei junge Polizistinnen befragen einen Trunkenbold, der ihnen fröhlich Wein anbietet, und stolz die angeblichen Beschwerden der Nachbarn ignoriert. So langsam dämmert es dem Zuschauer: Das sind Rollenspiele – und Bestandteile der Ausbildung der jungen Beamtenanwärter, genauso wie das Kampfsporttraining, das Exerzieren mit Helm, Schlagstock und Schild, das Abfragen von Polizeirecht.

Man besucht in der Gruppe, als „Ausbildungszug“ eine Ausstellung im „Roten Ochsen“, der heutigen JVA Halle, einem immer noch als Gefängnis genutzten Ort nationalsozialistischer Verbrechen. Ein Ausbilder erläutert dort, dem Befehl, Hinrichtungen ohne Urteil zu vollstrecken, „sollte man sich verweigern“, ganz so, als sei jedes Gericht im Dritten Reich ein Hüter des Rechtsstaats gewesen. Abends debattiert man in der Kaserne über die Verwendung von Dienstnummern und über Beschwerden: „Ich bin der Staat, es hat nicht zu interessieren, wie ich heiße“, sagt ein junger Mann und dass es „nicht nötig“ sei „mit Nummern und Namen und so, wenn jeder moralische Überzeugung hat.“

Und dann kommt das „wahre Leben“: die ersten Einsätze, immer unter den kritischen Blicken älterer Kollegen. Lärmbelästigung, Einbrüche. Nach einem Einsatz heißt es über einen Betrunkenen: „Rücksichtnahme interessiert den echt nicht, du musst dem nichts erklären.“ Vorsicht und Aggressivität gehen vor: Bei der Vollstreckung eines Haftbefehls wegen einer unbezahlten Geldstrafe wird der Täter aufs Genaueste abgetastet, in Handschellen gelegt, seine Taschen werden entleert, eine weitere extrem gründliche Leibesvisitation folgt. Sichtlich um Fassung ringend schaut eine Anwärterin bei einem Fall häuslicher Gewalt auf die Blutflecken am Boden: Zaghaft, zögernd bietet sie einer verstörten jungen Frau Hilfe an. Genauso zaghaft und zögernd verliest sie im Krankenhaus dem vor Wut und Schmerz schreienden Täter (der sich im Rausch selbst verletzt hat, als er Türen einrannte) die Wohnungsverweisung. Erst beim Schreiben des Protokolls findet sie den Abstand, die Ereignisse zu erfassen.
Und so geht es weiter: Die Suche nach einem Mann, der einen „lebensmüden“ Eindruck hinterlassen hat, der Besuch bei einer Familie, die schon mit der Haltung eines Welpen hoffnungslos überfordert ist. Und schließlich: Ein halbnackter, unterkühlter Betrunkener in einer Silvesternacht. Ein Anblick, bei dem die älteren Kollegen einfach weiterfahren wollen und wo die junge Anwärterin sich durchsetzen muss, damit ein hilfloser Mann nicht erfriert. Und einige Monate später: Tag der offenen Tür bei der Polizeischule. Besichtigung, Vorführungen, Rekrutierungsgespräche. Ein neuer Schwung idealistischer junger Menschen bewirbt sich, um kleingemahlen zu werden.

Details

Deutschland 2014, 90 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Marie Wilke
Drehbuch: Marie Wilke
Kamera: Alexander Gheorghiu
Schnitt: Stefan Oliveira-Pita, Jan Soldat, Marie Wilke
Verleih: Zorro Filmverleih
FSK: 12
Kinostart: 27.08.2015

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