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Sorry We Missed You

Unversöhnlicher denn je

Ken Loach knöpft sich die Ich-AG vor: Ricky Turner aus Newcastle macht sich als Paketbote selbstständig. Wenn alles gut läuft, werden er und seine Frau Abbie, die als ambulante Altenpflegerin arbeitet, das Häuschen abbezahlen können…

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Ken Loach ist wütend. Sehr wütend. Während Pedro Almodóvar und Martin Scorsese selbstreflexiv zurückblicken, Woody Allen sich in nostalgischen Träumereien verliert und Clint Eastwood sich mit Senioren-Gangstern amüsiert, ist Ken Loach gegenwärtiger und unversöhnlicher denn je. Sein neuer Film SORRY WE MISSED YOU knöpft sich die Ich-AG vor. Ricky Turner aus Newcastle macht sich als Paketbote selbstständig. Wenn alles gut läuft, werden er und seine Frau Abbie, die als ambulante Altenpflegerin arbeitet, das Häuschen abbezahlen können. In der Hoffnung auf ein Leben, das wenigstens ein bisschen komfortabler ist, verkaufen die Turners Abbies Kleinwagen und schaffen sich einen Lieferwagen an. Womit sie nicht gerechnet haben, ist der erbarmungslose Druck. Für den Fall, das eben mal nicht alles gut läuft, gibt es keinen Puffer: Jede Verspätung wird mit Sanktionen bestraft, und wenn Ricky ausfällt, muss er einen Ersatzfahrer bezahlen. Das erste, was ein Kollege ihm gibt, ist eine Plastikflasche – in die kann er pinkeln, wenn keine Zeit zum Aussteigen ist.
Während zuhause Sohn Seb die Schule schwänzt und dringend Aufmerksamkeit bräuchte, rast Ricky durch die Stadt, die Katastrophe immer dicht auf den Fersen. Auch wenn hier und da, im Privaten, noch Orte der Wärme und Geborgenheit zu finden sind, wird erschreckend deutlich, dass es für die Turners keinen Plan B gibt. Wie zu Beginn der Industrialisierung haben die kleinsten Rädchen im globalen Getriebe – auch in Europa – so gut wie keinerlei Absicherung und kaum Perspektiven mehr. Ken Loach und sein langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty inszenieren das mit einer Dringlichkeit und Energie, die 60 Jahre jüngere Filmemacher*innen gesetzt und müde wirken lässt. Diese politische Zwei-Mann-Bewegung hat offenbar nicht vor, die Klappe zu halten, solange es Missstände gibt, die benannt werden müssen. Und das ist sehr gut so.

Hendrike Bake

Details

Großbritannien 2019, 100 min
Sprache: Englisch
Genre: Drama
Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Schnitt: Jonathan Morris
Musik: George Fenton
Verleih: NFP marketing & distribution
Darsteller: Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone, Katie Proctor
FSK: 12
Kinostart: 30.01.2020

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