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Shoplifters

Menschlichkeit und Solidarität

Mit Sanftheit und Präzision erzählt Hirokazu Kore-Eda von einer armen Patchworkfamilie, die sich mit Witz, Gaunereien und großer Solidarität durchs Leben schlägt.

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Für SHOPLIFTERS hat Hirokazu Kore-Eda beim diesjährigen Filmfestival in Cannes die Goldene Palme für den besten Film des Festivals bekommen. Verdient hat er den Preis, der die höchste Auszeichnung ist, die die Filmkunstwelt zu vergeben hat, schon lange. Kore-Edas Filme haben einen unverwechselbaren Stil und eine unverwechselbare Tonlage: sehr zart und zugleich sehr naturalistisch und realistisch. Der Regisseur beobachtet genau und erzählt präzise, und er beschönigt nichts, erfindet kein Happy End, wo eines in der Wirklichkeit wenig wahrscheinlich wäre. Zugleich sieht er Wärme und Licht, wo ein flüchtiger Blick vielleicht nur Kummer, Streit oder Armut sehen würde.

Von außen betrachtet macht auch das Leben der Familie, die im Zentrum von SHOPLIFTERS steht, wenig her. Zu fünft hausen die „Ladendiebe“ in einem baufälligen und vollgerümpelten Haus, zu essen gibt es meist Eintopf und geheizt wird nicht. Mit prekärer Arbeit und kleineren Gaunereien schlagen sich alle so eben durch. Gleich die erste Szene zeigt Vater Osamu und Sohn Shota beim Ladendiebstahl im Supermarkt. Es geht nicht um Luxusartikel, sondern um das Nötigste: Nudeln Gemüse, Shampoo.

Aber Kore-Eda schaut nicht von außen, sondern ist ganz auf Seite der Ladendiebe. Er inszeniert den Diebstahl er als eine Art Tanz, eine feine Vater-Sohn-Choreografie mit exakten Moves, geheimen Zeichen und einem Hauch von Abenteuer. Als der Diebstahl gelungen ist, sich gönnen sich die beiden am Straßenstand eine Belohnungsfrikadelle und schlendern dann gut gelaunt nach Hause. Auf dem Weg kommen sie an einem kleinen Mädchen vorbei, dass einsam und unglücklich auf einem Balkon sitzt. Der Vater sammelt sie ein und nimmt sie mit nach Hause. Als die Familie entdeckt, dass Yuri Spuren von Misshandlung trägt, ist die Sache klar. Das Mädchen bleibt und die Familie ist um eine „Schwester“ reicher.

Nach und nach wird deutlich, dass auch fast alle anderen Familienmitglieder ebenso wenig miteinander verwandt sind wie alle mit Yuri. Aber für den Alltag spielt das kaum eine Rolle: Vater Osamu und Mutter Nobuyo, Tante Aki, Oma Hatsue und Shota, der nun auf einmal ein großer Bruder ist, agieren wie jede andere Familie auch. Lachen und kuscheln miteinander, sind genervt und beleidigt, fühlen sich mal ungerecht behandelt und kriegen sich wieder ein. Während die Erwachsenen arbeiten, streifen Shota und Yuri durch die Staßen von Tokyo, klauen Bonbons und verbummeln die Tage. „Schule ist für Kinder, die nicht zu Hause lernen können“, sagt Shota, das hat er von seinem Vater.

Aus vielen kleinen virtuos inszenierten Alltagsszenen – niemand arbeitet so gut mit Kindern wie Kore-Eda – setzt sich nach und nach ein sanftes Porträt einer liebenswerten Gemeinschaft zusammen, in der alle mit ihren Eigenarten ihren Platz haben. Aber es wird auch deutlich, wie sehr Geld – oder der Mangel an Geld – den Alltag bestimmt. Ständig wird gezählt und gerechnet. Den ganzen Tag sind alle miteinander damit beschäftigt, es heran zu schaffen: Shota klaut, Osamu jobbt auf dem Bau und Nobuyo in der Wäscherei. Aki arbeitet in einer Peep-Show und Oma Hatsue besucht gelegentlich den Sohn ihres Exmannes, der sich dann verpflichtet fühlt, ihr ein paar Tausend Yen zu geben. Einmal geht es darum, wer hier wen ausbeutet: Leben Osamu und Nobuyo auf Omas Kosten oder kann Hatsue vielmehr glücklich sein, dass sie im Alter nicht alleine ist?

Die Frage, so erzählt Kore-Eda in SHOPLIFTERS, sollte anders gestellt werden. Er hat eine ziemlich klare Meinung, wer hier wen ausbeutet: Wenn Osamu nach einem Arbeitsunfall kein Geld bekommt oder wenn der Chef Nobuyo und ihre Kollegin zu sich zitiert, ihnen eröffnet, dass er klarerweise die Leute mit dem höchsten Gehalt zuerst entlassen muss, und sie dann auffordert, untereinander auszumachen, wer gehen muss, wird deutlich dass die Betrügereien der Arbeiter und Arbeiterinnen, der Ladendiebe und Herumstreicherinnen, der „kleinen Leute“ schlimmstenfalls Notwehr sind. Dass es ständig um Geld geht, ist Schuld des Systems, nicht der Menschen, die um ihre Existenz kämpfen.

Dass die Ladendiebe in diesen Umständen noch so viel Menschlichkeit und Solidarität bewerkstelligen, kommt im Gegenteil schon fast einem Wunder gleich, und tatsächlich lässt Kore-Eda in Szenen, die fast dokumentarisch wirken, immer wieder Licht von der Familie ausgehen oder auf die Familie fallen. Einmal sitzen alle auf der kleinen Veranda ihres kleinen Hauses und hören einem Feuerwerk zu, das sie nicht sehen können. Aus dem Haus fällt warmes Licht nach draußen und hüllt die Familie in einen warmen Schein, der durchaus etwas Weihnachtliches hat.

Es ist ein guter Moment, der keinen Bestand hat: Yuri wird nach Monaten als entführt gemeldet und von der Polizei gesucht, und Shota beginnt, sich Fragen zu stellen. Die prekäre Familienkonstruktion gerät ins Wanken. Das Leuchten aber bleibt.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: Manbiki kazoku
Japan 2018, 121 min
Genre: Drama
Regie: Hirokazu Koreeda
Drehbuch: Hirokazu Koreeda
Kamera: Kondo Ryuto
Verleih: Wild Bunch
Darsteller: Kirin Kiki, Lily Franky, Sôsuke Ikematsu, Mayu Matsuoka
Kinostart: 27.12.2018

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