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Repertoire des villes disparues – Ghost Town Anthology

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GHOST TOWN ANTHOLOGY (REPERTOIRE DES VILLES DISPARUES) spielt zwar mit den Konventionen des Genres, hat aber eher etwas von einem Gedicht, in dem eine Atmosphäre beschworen wird, Motive auftauchen und wieder verschwinden, Szenen und Bilder unvermittelt nebeneinander stehen. Côté hat auf 16mm gedreht, in Farbe, aber die Farbe ist ein nahezu monochromes Grau. Die grauen Bilder sind mal mehr, mal weniger verschrammt. In ihnen stehen graue Menschen unter einem grauen Himmel vor weißgrauen Landschaften mit fast schwarzen Baumsilhouetten am Horizont. Einige von ihnen sind Tote.


Wer sich von der Aussicht auf Poetisches in Grau angesprochen fühlt, der und dem möchte ich empfehlen, an dieser Stelle erstmal nicht weiterzulesen und sich einfach auf den Film einzulassen. Für alle, die gerne mehr Fakten und ein bisschen Analyse möchten, oder nachlesen wollen, wie es anderen erging, geht es hier weiter:


Im abgelegenen Dörfchen Irénée-les-Neiges hat es einen Unfall gegeben. Der 21-jährige Simon ist mit dem Auto zielstrebig vom Weg abgebogen und in eine kleine Mauer gefahren. Der ganze Ort trauert, und der Bezirk will eine Psychologin schicken. Die resolute Bürgermeisterin wehrt sich vehement. „Wir halten zusammen. Wir erledigen unsere Sachen selbst.“ Die Gemeinschaft mag depressiv sein, aber sie ist auch widerständig und solidarisch. Simons Familie, seine Mutter, sein Vater und der fast erwachsene Bruder Jimmy sind vom Verlust schwer getroffen und scheinen den Verstorbenen nicht loslassen zu können. Jimmy bittet ihn wiederholt „Gib mir ein Zeichen“. Der Vater setzt sich ins Auto und fährt in einfach los ins Grau. Unterwegs nimmt er einen Anhalter mit, der offenbar Simon ist, beziehungsweise sein Geist. Später erscheint der auch der Mutter. Doch nicht nur Simon wandelt als stumme Gestalt unter den Lebenden. Immer mehr Verstorbene stehen auf den Straßen und Feldern und schauen in die Häuser hinein.

Denis Côté erzählt unaufgeregt und lakonisch davon, wie sich ein Ort wortwörtlich zur Geisterstadt verwandelt. Er nutzt Versatzstücke des Horrors, wie das Ur-Ereignis, den Unfall, der die Geschehnisse auszulösen scheint, aber er verzichtet vollkommen auf die übliche Spannungskurve und auch auf Erklärungen. Die Geister tauchen auf, stehen herum und werden zur Kenntnis genommen, zunächst von Adèle, von der es heißt, es fehlten ihr „ein paar Lichter zum Kronleuchter“. Als die „Silhouetten“ nicht mehr zu übersehen sind, gibt es eine Ortsversammlung, bei der Vertreter des Verwaltungsbezirks erklären, dass das Phänomen auf dem Land aktuell verstärkt vorkommt, in Quebec aber noch nicht beobachtet worden sei.

Der Film lässt sich als politischer Kommentar auf die Landflucht lesen, der sich so auch für Brandenburger Dörfer erzählen ließe, als Stimmungsbild der sich abgehängt fühlenden französischsprachigen Bevölkerung Kanadas, oder sogar als lakonische Satire auf jüngste Anfälle von Fremdenfeindlichkeit. Auf einmal stehen immer mehr graue Gestalten in der grauen Landschaft herum. Stumm betrachten sie die Einheimischen, die misstrauisch zurückblicken. Für mich hat der Film auf poetische, traurige, aber auch verschmitzt verspielte Weise von einer Balance zwischen den Lebenden und den Toten erzählt, die sich langsam immer mehr in Richtung der Toten verschiebt.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: Repertoire des villes disparues
CDN 2018, 96 min
Genre: Drama, Fantasy
Regie: Denis Cote
Drehbuch: Denis Cote
Darsteller: Robert Naylor, Josee Deschenes, Jean-Michel Anctil

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