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Ray & Liz

Gläser voll Cider, aufsteigender Zigarettenrauch

Das Filmdebüt des bekannten Fotografen Richard Billingham ist eine schonungslose und dennoch wunderschöne Erinnerung an seine Kindheit.

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Richard Billingham wurde in der Öffentlichkeit zuerst durch seine Fotoserie „Ray’s A Laugh“ bekannt, die 1997 ein Teil von Charles Saatchis notorischer Ausstellung „Sensations“ war, an der neben anderen auch Damien Hirst teilnahm. Die Serie bestand aus Fotos von Billinghams verarmten Eltern, Ray und Liz, die vor dem Hintergrund der Blumentapeten ihrer Sozialwohnung ihr Leben vertranken und verqualmten. Die rohen, ungeschönten Bilder von „Ray’s A Laugh“ ließen Fragen nach Authentizität und Ausbeutung aufkommen, machten Billingham aber zu einem gewissen Grad berühmt und berüchtigt und brachten ihm eine Nominierung für den Turner Preis ein.

Zwei Jahrzehnte später ist das Nachfolgeprojekt RAY & LIZ ein bezauberndes Stück Magie, das der fusel-getränkten Kindheit Billinghams menschliche Tiefe verleiht, ohne irgendetwas von deren Brutalität und Trostlosigkeit auszulassen. Der Film spielt sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit und weitet seinen Blick über das Paar im Titel auf Billingham selbst und vor allem dessen jüngeren Bruder Jason aus, der im Fokus des letzten Drittels des Films steht. Der Familienkreis erstreckt sich auch auf Rays geistig behinderten Bruder Lol, dessen Behandlung durch Will, einen Herumtreiber und Untermieter der Familie, den extrem schwer zu ertragenden ersten Akt des Films ausmacht.

Akribisch porträtiert Billingham den Dreck und die Schmierigkeit der Sozialwohnungen der Thatcher-Ära, während er mit dem Kompositionssinn des Fotografen die vollgestopften Zimmer der Familienwohnung abtastet. In seinen schönsten Momenten spürt der auf 16mm gedrehte Film stille Räume auf, zwischen harschen Szenen von Vernachlässigung, die an Missbrauch grenzt, hemmungslosem Alkoholismus und verzweifelten Versuchen, Geld, Mahlzeiten, und (ganz wörtlich) Zigaretten zusammenzukratzen. Diese meditativen Momente sind oft in Bodennähe, oder in extremen Nahaufnahmen gefilmt, wie aus der Perspektive eines Kindes. Die zahlreichen Nahaufnahmen von Händen, Füßen, Manschetten, Haustieren, Gläsern voll Cider, aufsteigendem Zigarettenrauch usw. geben dem Film eine meditative Schönheit und wirken, als ließe, selbst wenn die Erwachsenenwelt eine verschlossene Sackgasse ist, die Kinderwelt noch Platz für Schönheit und Neugierde.

Das Sounddesign des Films ist schwelgerisch und akribisch, vor allem in den eingeschobenen Szenen von kleinen häuslichen Momenten: verwunschene Musik aus einem blechernen Radiolautsprecher, das leise Plätschern, wenn ein Glas aufgefüllt wird, das Knistern einer abbrennenden Zigarette. In einer kurzen, verträumten Sequenz genau in der Mitte des Films erleuchtet ein Feuerwerk den Nachthimmel, während Ray unruhig schläft. Er wacht kurz auf, schließt dann wieder die Augen, während das Feuerwerk rückwärts implodiert, sich wieder zusammenzieht und in die Erde zurückkehrt. Es ist eine unglaublich schöne, impressionistische Träumerei, die Momente von Weite in einen Film trägt, der sonst von schmutzigen Wänden, schäbigen Teppichen und grauem Beton beherrscht wird.

RAY & LIZ ist viel mehr als ein filmisches Echo der vorangegangenen Fotoserie. Der Film ist eine beeindruckende Arbeit, die Fragen von Handlungsmacht und Klasse, Schuld und Unschuld konfrontiert.

John Peck

Details

Großbritannien 2018, 108 min
Sprache: Englisch
Genre: Drama, Familiengeschichte, Biografie
Regie: Richard Billingham
Drehbuch: Richard Billingham
Kamera: Daniel Landin
Schnitt: Tracy Granger
Verleih: Rapid Eye Movies
Darsteller: Michelle Bonnard, Tony Way, Ella Smith, Justin Salinger, Sam Gittins
FSK: 12
Kinostart: 09.05.2019

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