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Raum

Philosophischer Thriller

Joy und ihr Sohn Jack werden von Joys Kidnapper in einem winzigen Raum gefangen gehalten. Joy hat ihrem Sohn lange vorgespielt, das der Raum die ganze Welt wäre und das Inventar so lebendig gestaltet wie möglich, aber Jack wird allmählich zu alt, als dass sie die Illusion aufrecht erhalten könnte.

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Lenny Abrahamsons furioser psychologischer und philosophischer Thriller RAUM hat ein Problem: Seine Ausgangssituation könnte den Verdacht erwecken, man liefe Gefahr, sich üblen Schund anzusehen. Das ist durchaus nicht der Fall. Der Ausgangspunkt der Geschichte ist aber dieser:

Joy ist mit siebzehn Jahren von einem Mann entführt worden und wird seitdem in einem Raum gefangen gehalten und sexuell missbraucht. In diesem Raum hat sie einen Sohn geboren, den sie Jack nennt, und der gerade fünf Jahre alt geworden ist. Joy verbirgt den Umstand ihrer Gefangenschaft vor Jack und spielt ihm vor, dass der Raum, der sich später als Werkzeugschuppen herausstellen wird, die ganze Welt ist. Wirklich sei nur, was sich im Raum befindet - und der Entführer, den sie „Old Nick“ nennt, und dem Jack nie begegnet ist, denn sobald Old Nick den Raum betritt, muss Jack sich im Schrank verstecken. Jack selbst ist der Erzähler des Films und wir nehmen seine Welt, den RAUM, aus seiner Perspektive wahr. In dieser Welt ist alles belebt, und hat daher keine Bezeichnungen, sondern Namen: Der Raum heißt „Raum“, das Waschbecken heißt „Waschbecken“, der Schrank „Schrank“. Wie Lebewesen begrüßt Jack die Dinge im Raum jeden Morgen. Jedes Wesen hat eine Eigenschaft: „Schrank“ ist der höchste, „Bett“ das breiteste, „Eierschlange“ die längste. Es gibt einen Fernseher, aber die Figuren darin sind nicht echt, sie sind ja flach. Joy hat die winzige Welt, in der Jack aufwächst, so komplex und belebt wie möglich konstruiert, denn Jack soll kein Gefühl des Mangels erleben. Dass diese Situation nicht andauern kann, ist spätestens klar, als Jack erzählt, er sei jetzt fünf und wisse viel mehr als früher, als er erst vier war.

RAUM ist zunächst ein irre spannender Thriller um die Frage, wie man aus einer Lage entkommt, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Vor allem aber ist RAUM die Geschichte eines sich weitenden Bewusstseins und die Geschichte einer zweiten Geburt, eine Geschichte über den Schock, den die Welt darstellt – und über einen Prozess der Heilung und des Erwachens. Völlig zu Recht ist Emma Donaghues Drehbuch zu ROOM als bestes adaptiertes Drehbuch für den Oscar nominiert – adaptiert heißt in diesem Fall: nach ihrem eigenen Roman, der immerhin auch schon den irischen Buchpreis gewonnen hat. Regisseur Lenny Abrahamson hat zuletzt das schöne Pop-Drama FRANK gedreht, über eine Indie-Band, deren Anführer sich ständig unter einem überdimensionalen Pappkopf verbirgt, und deren Proben in einer Waldhütte nie enden zu wollen scheinen. Mit ungewöhnlichen Perspektiven auf die Welt beschäftigt sich der Filmemacher also schon länger.

Am begeisterndsten ist allerdings das Spiel des kleinen Jacob Tremblay, der seit RAUM bereits in sieben weiteren Filmen mitgespielt hat, und so unglaublich gut spielt, dass man fast vergisst, wie komplex seine Aufgabe in diesem Film ist, und wie schwierig und riskant es ist, Kinder in Schlüsselrollen von Filmen zu besetzen. Es gibt viele gute Kinderregisseure: Hirokazu Kore-eda lässt die Kinder einfach Kinder sein, und schreibt die Szenen so, dass sie dem kindlichen Verhalten möglichst natürlich entgegenkommen. Damit erreicht er fantastische Ergebnisse, aber das, was Jacob Tremblay, der zum Zeitpunkt des Drehs sieben Jahre alt gewesen sein muss, leistet, hat eine ganz andere Qualität. Lenny Abrahamson sagte im Interview mit dem britischen „Guardian“, Kinder hätten eine unglaubliche Fähigkeit zum Optimismus und dazu, die Schattenseiten ihrer Welt, die sie erahnen, aber nicht einordnen können, einfach auszublenden. Wenn Jacob in Interviews gefragt wird, worum es in dem Film ginge, sagt er: „Meine Mom und ich sind da in diesem Raum und ein böser Mann hält uns gefangen“ – eine Märchengeschichte, nicht schlimmer als Hänsel und Gretel, die für eine Kinderseele fassbar ist. Die philosophischen Implikationen der Geschichte gehen dabei viel weiter: von Platons Höhlengleichnis über Fragen zur Verarbeitung von Traumata, bis hin zu politischen Fragen zu Wahrnehmung und Grenzen der Erkenntnis. "Raum ist nicht klein. Raum geht von hier bis zur anderen Seite und wieder zurück" sagt Jack. Wessen Welt wäre größer?

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Room
Kanada/Irland 2015, 118 min
Sprache: Englisch
Genre: Drama
Regie: Lenny Abrahamson
Drehbuch: Emma Donoghue
Kamera: Danny Cohen
Schnitt: Nathan Nugent
Musik: Stephen Rennicks
Verleih: Universal Pictures Germany
Darsteller: Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen
FSK: 12
Kinostart: 17.03.2016

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