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Philomena

Als die junge Philomena Lee im streng katholischen Irland der 50er Jahre ein uneheliches Kind erwartet, wird sie von Nonnen genötigt, ihr Kind zur Adoption freizugeben. 50 Jahre später sucht Philemona mit einem Journalisten nach dem verlorenen Sohn.

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In den kitschigen Liebesromanen, die Philomena Lee (Judy Dench) immer wieder mit Inbrunst und Begeisterung liest, wird stets alles gut, selbst wenn die Schicksalswege der Figuren noch so ausweglos erscheinen. „Damit hätte ich nicht gerechnet. Nicht in einer Million Jahren“, erzählt sie dann voll kindlicher Verzückung, als wäre sie gerade Zeugin eines wahrhaftigen Wunders geworden. Philomena ist eine Frau mit einem unbeirrbaren Glauben, was umso erstaunlicher ist, wenn man von ihrer Lebensgeschichte erfährt, die sie eines Tages scheinbar unvermittelt ihrer Tochter Jane (Anna Maxwell Martin) anvertraut: Als junge Frau hat sie ihr unehelich gezeugtes Kind in einem irischen Kloster zur Welt bringen und unter Demütigungen hilflos miterleben müssen, wie die Ordensschwestern ihren Sohn zur Adoption freigaben. In den Augen dieser vom Katholizismus geprägten Gesellschaft der 1950er Jahre musste sie mit einer Schande leben, die sie ihr Geheimnis jahrzehntelang verschweigen ließ. Erst jetzt, ein halbes Jahrhundert später ist sie bereit, darüber zu sprechen.
Martin Sixsmith (Steve Coogan) ist ein ehemaliger BBC-Reporter in der Lebenskrise, gebildet und etwas versnobbt. Als er von Philomenas Geschichte erfährt, rümpft er über diese „human interest story“ zwar die Nase, doch schnell wird ihm klar, dass die Story ihm ein Ventil für seine Unzufriedenheit bietet und die Möglichkeit, sein Hadern mit Kirche und Religion zu verarbeiten. Zusammen macht sich das ungleiche Paar auf die Suche nach Philomenas Sohn und den Hintergründen der Zwangsadoptionen, die sie schließlich bis in die USA führen.

Der Film, dessen Drehbuch Komiker und Hauptdarsteller Steve Coogan auf Basis einer Story des Journalisten Martin Sixsmith verfasste, hat glücklicherweise nichts mit den rührseligen und reißerischen Boulvardgeschichten zu tun, die wir wöchentlich im Fernsehen verfolgen können und in denen Schicksale und Trennungen von Familienmitgliedern nach den immer gleichen Wirkungsmustern aufbereitet werden. PHILOMENA lebt vom Witz und der Komik der beiden gegensätzlichen Hauptfiguren, weiß aber auch in den richtigen Momenten inne zu halten. Dabei setzen Autor Coogan und Regisseur Stephen Frears (DIE QUEEN) immer wieder auf Zwischentöne, statt auf übergroß-emotionale Achterbahnfahrten, und schaffen es dadurch weitaus stärker zu berühren. Natürlich ist das auch auf das außerordentliche Spiel der beiden Hauptdarsteller Coogan und Judy Dench zurückzuführen, die ihre Figuren mit großem Respekt vor den realen Biographien verkörpern.
So erweist sich die Odyssee für den Möchtegern-Atheisten Martin auch als persönliche Pilgerreise, auf der das zynische Weltbild des PR-Profis durch die herzlich-einfache ältere Dame immer wieder auf die Probe gestellt wird.

PHILOMENA ist auch ein Film über den Umgang der Medien mit Lebensgeschichten und Schicksalen wie dem seiner titelgebenden Hauptfigur – sei es in den Nachrichten oder als Literatur, im Fernsehformat oder eben als Kinofilm. Wie und wann wird eine Geschichte den komplexen Zusammenhängen, in denen sie sich abspielt, gerecht – kann sie das überhaupt? Darf sie sich an den Wunden und Schwächen der handelnden Personen abarbeiten, nur um einen gewünschten Effekt zu erzielen? Frears, Coogan und Dench haben einen liebevollen Zugang zu ihrer Geschichte gewählt. Sie kontrapunktieren die Ernsthaftigkeit des Themas durch ihren komischen Ansatz und bleiben doch genau bei dem Thema, für das sich eine „human interest story“ augenscheinlich interessieren sollte – den Menschen. So erscheint auch Philomenas Vorliebe für schnulzige Trivialgeschichten überhaupt nicht mehr peinlich oder albern, wenn wir sie und ihre Einstellung zum Leben erst einmal wirklich kennengelernt haben. So einfach wie diese Romane macht es uns PHILOMENA jedoch nicht, denn neben seinem ehrlichen Interesse für die Figuren, respektiert der Film auch bis zum Schluss die Souveränität des Zuschauers.

Jens Mayer

Details

GB 2013, 98 min
Genre: Drama
Regie: Stephen Frears
Drehbuch: Steve Coogan, Jeff Pope
Verleih: UNIVERSUM
Darsteller: Judi Dench, Steve Coogan, Sophie Kennedy Clark
FSK: 6
Kinostart: 27.02.2014

Website
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