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Napoleon

Schlachtenmalerei

Wer ein historisch korrektes Porträt der realen Figur erwartet, befindet sich definitiv im falschen Film. Aber Scott lässt die zweieinhalb Stunden eher zu kurz als zu lang empfinden. Pralles Kino ist NAPOLEON auf jeden Fall.

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In einem Interview mit dem „New Yorker“ erklärt Ridley Scott, was ihn an Napoleon Bonaparte interessierte: einerseits die Schlachten, andererseits: „Wer war dieser Typ und warum war er verletzlich? Und das war diese Frau namens Joséphine.“ In Scotts zweieinhalbstündiger Kinofassung des Films – demnächst erscheint auf Apple TV+ eine vierstündige Fassung – liegt der Akzent vor allem auf den Schlachten. Es hätte sicher andere Aspekte von Bonaparte gegeben, die auch interessant gewesen wären: die Schwierigkeit, bürgerliche Rechtsprechung und Verwaltung gegen feudalistische Gesellschaften durchzusetzen, Napoleons fortschrittliche Gesetzgebung durch die „Cinq Codes“ in Europa, die zu großen Teilen bis heute konstituierend für die Rechtsstaatlichkeit ist. Dem gegenüber steht Napoleons Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien. Aber weder fortschrittliche noch reaktionäre Aspekte Napoleons interessieren Scott.

Die Verteidigung von Paris gegen den royalistischen Aufstand vom 13 Vendémiaire, als 25.000 royalistische Soldaten versuchten, den Konvent zu stürmen, und Napoleon die nur 5.000 Mann starke Garnison der Hauptstadt übernahm und zum „Retter der Republik“ erklärt wurde, zeigt Scott als Napoleons Massaker an aufgebrachten, kaum bewaffneten Zivilisten. Hier verortet Scott seinen Protagonisten eindeutig auf der schurkischen Seite der Geschichte. Die napoleonischen Kriege sind für Scott ausschließlich imperiale Eroberungsfeldzüge. Dass sie irgendetwas mit dem Konflikt zwischen der ersten europäischen Republik und dem Feudalismus zu tun haben könnten, spielt keine Rolle.

Ridley Scott erzählt eine rein filmisch gedachte Geschichte, mit großartigen, mitreißenden oder amüsanten set pieces wie der opulent ausgemalten Selbstkrönung Napoleons zum „Kaiser der Franzosen“, die Scott als pompöse Farce inszeniert. Die Schlachten sind die absoluten Höhepunkte des Films, von der riskanten Eroberung Toulons über die Episode, in der Scott Napoleon während der Ägypten-Expedition auf die Pyramiden schießen lässt, bis zu den virtuosen Inszenierungen der Schlacht bei Austerlitz und Napoleons Niederlage bei Waterloo. Als Schlachtenmaler steht Ridley Scott dem LORD OF THE RINGS-Regisseur Peter Jackson nicht nach, und in den Schlachten zeigt er auch Interesse daran, historische Taktiken nachzustellen. Napoleons Taktik des Infanterie-Karees, mit dem Angriffe der gegnerischen Kavallerie abgewehrt wurden, wird bei Waterloo von Wellington (Rupert Everett) eingesetzt.

Die Inszenierung der Beziehung zu Joséphine de Beauharnais wirkt in der Kinofassung trotz der Laufzeit von 158 Minuten recht gehetzt, und die Figur der Joséphine ist eher unscharf gezeichnet. Gut möglich, dass in der längeren TV-Fassung, die nach der Kinoauswertung auf Apple+ starten wird, mehr zum Verhältnis des Paares zu sehen sein wird. Joaquin Phoenix zeigt seinen Napoleon als einen Mann, der Frauen gegenüber unsicher, mal brutal, mal schuljungenhaft verunsichert wirkt. Er lernt Joséphine auf einem Ball, kennen, wo sie ihre „coiffure à la victime“ ausführt. Die kurz geschnittene Haarmode unter französischen Aristokratinnen spielte darauf an, dass die Harre der Hingerichteten im Nacken kurz geschoren wurden, was sicherstellen sollte, dass das Messerblatt der Guillotine die richtige Stelle traf. Joaquin Phoenix zeigt einen Mann, der nicht weiß, wie er Joséphine ansprechen soll, und auf die Selbstinszenierung militärischer Männlichkeit zurückfällt. Phoenix zeigt das mit exzellentem Timing, schauspielerischer Virtuosität und Witz. Er trippelt von einem Fuß auf den anderen, scheint nicht zu wissen, wohin mit seinen Händen und Blicken und fällt schließlich darauf zurück, eine mühsam produzierte Pose militärischer Haltung anzunehmen. Die wenigen Sexszenen sind kurz und so brutal wie keusch inszeniert.

Als Spektakel funktioniert NAPOLEON, und auch als Satire auf den militärischen Charakter, wie ihn Klaus Theweleit in „Männerphantasien“ beschrieben hatte, ist der Film gelungen. Wer ein historisch korrektes Porträt der realen Figur erwartet, befindet sich definitiv im falschen Film. Aber Scott lässt die zweieinhalb Stunden eher zu kurz als zu lang empfinden. Pralles Kino ist NAPOLEON auf jeden Fall.

Tom Dorow

Details

USA 2023, 158 min
Genre: Historienfilm, Biografie
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: David Scarpa
Kamera: Dariusz Wolski
Schnitt: Sam Restivo, Claire Simpson
Musik: Martin Phipps
Verleih: Sony Pictures
Darsteller: Joaquin Phoenix, Vanessa Kirby, Ben Miles, Tahar Rahim, Ludivine Sagnier, Ian McNeice, John Hollingworth, Paul Rhys
Kinostart: 23.11.2023

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