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Men & Chicken

Dänische Freaks

Anders Thomas Jensen, Meister des makabren Humors und der moralischen und ästhetischen Geschmacklosigkeiten (IN CHINA ESSEN SIE HUNDE, ADAMS ÄPFEL) schickt zwei ungleiche Brüder auf der Suche nach ihrer Herkunft auf eine entlegene Insel, wo sie die Verwandtschaft aus der Hölle entdecken: eine Bande von degenerierten Idioten, umgeben von bizarren Mischwesen, die dem geheimen Labor des Vaters im Keller entsprungen sind.

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Mads Mikkelsen versteckt sich in diesem Film hinter einem waffenscheinpflichtigen Schnurrbart. Die Frisur kann man kaum als solche bezeichnen. Das Benehmen ist nicht wirklich gesellschaftsfähig. Sein Elias mag es nämlich ganz und gar nicht, unterbrochen zu werden. Er hat feste Meinungen über die Welt, die nicht gerade durch Nachdenken fundiert sind: Einstein? Pures Glück, dass er seine Relativitätstheorien so gut an den Mann gekriegt hat. Physiknobelpreis? Phhh – 1921 war ein extrem schwacher Jahrgang. Elias masturbiert auch exzessiv, egal wo und wann. Kein Wunder, dass sein Bruder Gabriel Würgereize bekommt beim Gedanken an ihn. Das einzige, was sie gemeinsam haben, ist die hässlich verwachsene Hasenscharte auf der Oberlippe.
Die sie im Übrigen auch mit ihren anderen drei Brüdern teilen. Ach, was sage ich: Halbbrüder. Höchstens. Den Vater haben sie gemeinsam, freilich in unterschiedlichen Prozentanteilen. Den Vater, der seit Jahren tot im Obergeschoss dieses ausgedehnten, halb verfallenen Anwesens liegt, in dem Franz, Gregor und Josef hausen, zusammen mit allerlei Getier. Und zum Leidwesen aller ohne Frauen. Hierher verschlägt es Gabriel und Elias auf der Suche nach ihrer Herkunft, auf diese verfluchte Insel mit gerade mal 41 Einwohnern. Wenn es weniger als 40 werden, wird der Ort von der offiziellen Landkarte getilgt, ein ständiges Damoklesschwert über dem Bürgermeister. Deshalb können die rabiaten Brüder treiben, was sie wollen. Beispielsweise Leute mit ausgestopften Schwänen oder Füchsen verhauen. Oder im Hühnerstall Unaussprechliches treiben – klar, dass dieser Filme dieses Treiben ziemlich deutlich ausmalt.

Denn MEN & CHICKEN ist ein Anders-Thomas-Jensen-Film. Jensen ist einer der profiliertesten Drehbuchautoren Dänemarks, der tatkräftig am Aufstieg dieses kleinen Landes zu einer der führenden europäischen Kinonationen mitgearbeitet hat mit Filmstoffen, in denen einfache Konflikte als Symptome für komplexe gesellschaftliche Fragen fungieren. Für Susanne Bier schreibt Jensen seit Jahren oscargekrönte Bücher; einerseits. Andererseits ist Jensen der Meister des makabren, grotesken, radikalen Humors der moralischen und/oder ästhetischen Geschmacklosigkeiten, vom Drehbuch zu IN CHINA ESSEN SIE HUNDE über seine letzte Regiearbeit ADAMS ÄPFEL von 2006 bis zu diesem jüngsten Ausbund an schwarzkomischer Absurdität.

In düsteren Farben gefilmt, mit dramatischer Musik unterlegt, getragen von fünf Darstellern, die sich in vollkommener Ernsthaftigkeit als Brüder zusammenraufen müssen, erschafft der Film eine dramatisch-ernste Atmosphäre, die der Inhalt auf raffinierte Art konterkariert. Denn wir bekommen es mit einer Bande von Idioten zu tun, von degenerierten Kindsköpfen, umgeben von bizarren Mischwesen, die dem geheimen Labor des Vaters im Keller entsprungen sind. Auf scheinbar unschuldige, tatsächlich aber ganz perfide Art braut Jensen hier einen Cocktail, dessen Zutaten zunehmend ekelhaft werden. Und der dann überraschenderweise doch harmoniert, mit etwas herbem Nachgeschmack freilich.

Wo Franz mit ausgestopften Tieren um sich prügelt, hat Elias ein Nudelholz parat; bei Tische gibt es Streit um Hühner- und Hundeteller. Wer nicht spurt, kommt in den Käfig. Ausgiebiger Käsefetischismus trifft auf chercher la femme – im Altenheim, und durchaus erfolgreich. Gabriel allerdings ist aus der Art geschlagen: Er ist ein reifer, verständiger Mensch, lehrt an der Universität über Philosophie und Evolutionspsychologie, und er hatte sogar schon einmal eine Freundin. Aus seiner Sicht nähern wir uns den Abgründigkeiten, die in diesem Herrenhaus lauern – und wie er sind wir hin- und hergerissen zwischen Abscheu und einer gewissen Bindung, die vielleicht so etwas wie Bruderliebe sein könnte. Je tiefer wir in den Keller, in den Urgrund dieser Familie hinabsteigen, desto näher kommen sie uns alle. Bis wir dann bei einem zwar sehr doppelsinnigen, fast anstößigen, aber eben doch handfesten Happy End angelangen. Schließlich ist dies hier eine Komödie.

Harald Mühlbeyer

Details

Originaltitel: Mænd og høns
Deutschland/Dänemark 2014, 104 min
Genre: Komödie
Regie: Anders Thomas Jensen
Drehbuch: Anders Thomas Jensen
Kamera: Sebastian Blenkov
Schnitt: Anders Villadsen
Verleih: DCM Filmdistribution
Darsteller: Mads Mikkelsen, David Dencik, Nikolaj Lie Kaas
Kinostart: 02.07.2015

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