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Melodys Baby

Leihmutter-Kammerspiel

Die belgische Friseurin Melody braucht Geld. Die Engländerin Emily wünscht sich ein Kind. Die beiden machen einen Deal, der sie einander näher bringt ist, als sie es erwartet oder vorhergesehen haben. Der Kern des intensiven Zwei-Personen-Dramas ist nicht die Leihmutterschaft selbst, sondern die fragile Freundschaft zwischen den beiden zielstrebigen Frauen.

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In der ersten Einstellung von „Melodys Baby“, die auch das Schlussbild des Films sein könnte, liegt Melody (Lucie Debay) nur mit Unterwäsche bekleidet in Embryonalhaltung auf einer weinroten Couch. Die Mittzwanzigerin lebt, wie wenig später herauskommt, von der Hand in den Mund. Mehr als ihren Reiserucksack mit ein paar Ersparnissen, Schminksachen und ihrer Friseur-Ausrüstung trägt sie nicht bei sich. Tagsüber verteilt Melody Werbeflyer in Briefkästen und klingelt in Wohnungen, um ihre Hausbesuche als Friseurin feilzubieten, nachts entert sie mit ihrem Schlafsack Treppenhäuser und übernachtet im Hausflur, eine Dusche nimmt sie im Hallenbad. Doch Melody ist keineswegs resigniert, sondern verfolgt ihren Traum von einem eigenen Friseursalon mit großer Beharrlichkeit. Ein bisschen Geld hat sie schon beisammen, das Kapital für einen eigenen Friseursalon ist aber noch in weiter Ferne. Nachdem sie schon an den Verkauf einer Niere gedacht hat, legt Melody bei einem Internetportal für Leihmütter ein Profil an. Hier kommt die gut betuchte englische Geschäftsfrau Emily (Rachael Blake) ins Spiel, die Melody für ein Honorar von 50.000 Euro als Leihmutter engagiert. Nach der Einpflanzung der befruchteten Eizelle steht Melody plötzlich mit ihrem Rucksack vor Emilys Haustür und zieht kurzerhand bei ihrer Auftraggeberin ein. Bald entwickelt die junge Frau mütterliche Gefühle für das ungeborene Leben in ihr und gerät ins Grübeln – der Beginn einer komplizierten Freundschaft, bei der Abstoßung und Anziehung nahe beieinander liegen.

In Deutschland ist das Austragen einer fremden Eizelle gesetzlich verboten. In Belgien, dem Heimatland des Regisseurs Bernard Bellefroid, ist die Leihmutterschaft hingegen legal und allenfalls aus ethischen oder religiösen Überzeugungen heraus umstritten. Trotz dieser politisch, religiös und ethisch aufgeladenen Thematik ist MELODYS BABY aber keineswegs ein spröder Thesenfilm, der eine gesellschaftliche Debatte verfilmt oder eine eindeutige politische Position bezieht. MELODYS BABY erzählt eine sehr persönliche Story erfreulich wertfrei und keineswegs so tranduselig wie der Trailer. Auch die Klischee-Fettnäpfchen, die bei der Geschichte durchaus hinter jeder Wendung lauern, erweisen sich für Bellefroid nicht als Stolperfallen.

Vielmehr legt der Regisseur das Hauptaugenmerk seines zweiten Kinofilms auf die beiden Protagonistinnen, deren Beziehung eine dritte, noch ungeborene Person beeinflusst. Melody und Emily umkreisen einander, manchmal wie Tigerinnen, die ihre „Beute“ schützen wollen, dann wieder wie gute Freundinnen oder ein Mutter-Tochter-Gespann. Der Kern des intensiven Zwei-Personen-Dramas ist somit nicht unbedingt die Leihmutterschaft selbst, sondern die fragile Freundschaft zwischen den beiden zielstrebigen Frauen, die eine völlig unterschiedliche, aber vergleichbar belastende (Familien-)Geschichte mit sich herum tragen: Melody kam anonym zur Welt und vermisst ihre Mutter, Emily kann seit einer Krebserkrankung keine Kinder bekommen. Die Australiern Rachael Blake („Sleeping Beauty“) und die in Belgien als Theaterschauspielerin bekannte Lucie Debay („Bevor der Winter kommt“) stemmen dieses Zwei-Personen-Stück mit ihrer durchweg hohen Leinwandpräsenz. Weil Bernard Bellefroid seinen Hauptdarstellerinnen und insbesondere der einprägsamen Lucie Debay mit einer dokumentarisch wirkenden Kamera und der dezenten Inszenierung viel Raum zur Entfaltung bereitet, überträgt sich die emotionale Anspannung zwischen den Figuren ohne Umschweife ins Publikum.

Christian Horn

Details

Originaltitel: Melody
Frankreich 2014, 90 min
Genre: Drama
Regie: Bernard Bellefroid
Drehbuch: Bernard Bellefroid, Carine Zimmerlin
Kamera: David Williamson
Schnitt: Sean-Luc Simon
Musik: Frédéric Vercheval
Verleih: MFA+ FilmDistribution
Darsteller: Rachael Blake, Catherine Salée, Lucie Debay, Don Gallagher, Laure Roldan, Clive Hayward
FSK: 12
Kinostart: 14.05.2015

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