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Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot

Wiese, Tanke, Heidegger

Eine Sommerwiese. Eine Tankstelle. Ein Geschwisterpaar, das die Zeit anhalten will. Gespräche über Heidegger. Der umstrittendste Film im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale.

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Phillip Grönings Film MEIN BRUDER HEISST ROBERT UND IST EIN IDIOT hat auf Festivals ordentlich die Reihen leergespielt. In der Berlinale-Pressevorführung war es erfrischend anzusehen, wie überfordert und angefressen die an biederes Wohlfühl- und Genrekino gewöhnten Kollegen auf einen der wenigen Filme, der eine Idee von Freiheit in der Inszenierung zeigte, reagierten.

MEIN BRUDER HEISST ROBERT UND IST EIN IDIOT erzählt über drei Stunden kaum eine Geschichte, lediglich eine langsame, aber unaufhaltsame Eskalation. Die Zwillinge Robert und Elena gehen auf eine Wiese, gegenüber einer Tankstelle, vorgeblich um für Elenas Philosophie-Abitur zu lernen. Lauter Großaufnahmen von Gräsern, Ameisen, Füßen und anderen Körperteilen, Zigarettenschachteln, Chipstüten, Schnellheftern und Büchern. Im Hintergrund, wie Kubricks Monolith in Schneeweiß, ragt der Turm eines Windrades in den Himmel. Dann beginnt Robert, über Heidegger und Augustinus zu referieren, phänomenologische Zeitphilosophie. Immer wieder muss Bier her, aus der Tanke, wo die Aufpasser Adolf (pingelig) und Erich (nett und gnädig) heißen: Die Deutschland-Metapher wird ordentlich aufs Auge gedrückt. Zwischendurch wetten die Zwillinge. Geht der Hund nach links, holst du das Bier. Elena will wetten, dass sie bis zum Abi noch mit jemandem pennt, also an diesem Wochenende. Wenn Robert gewinnt, bekommt er den VW Golf, den Elena zum Abi bekommen soll, wenn Elena gewinnt, soll Robert sich etwas von ihr wünschen, aber nichts Materielles. Zwischendurch richtet der kleine Bruder aus, dass Mutti das Essen fertig hat, aber Mutti muss warten, und Bier ist auch Stulle.

Der Sommer und die Sinnlichkeit, Deutschland und die Philosophie, Inzest-Tabu und Verbrechen das sind die Motivstränge in Grönings Film. Ein Element der Todessehnsucht klingt an, wenn die Zwillinge im tiefgrünen Wasser eines Waldsees versinken. Eine Wette, wer länger die Luft anhalten kann. Eine filmische Kritik Heideggers und der Phänomenologie sind der zentrale Bezugspunkt des Films. Die philosophische Diskussion in MEIN BRUDER HEISST ROBERT UND IST EIN IDIOT ist eine aktuelle. In den Geisteswissenschaften, gerade auch in der Filmwissenschaft, hat es in den letzten Jahrzehnten einen „phenomenological turn“, eine Wende hin zur Phänomenologie gegeben. Ausgehend von Tom Gunnings und Thomas Elsässers Studien zum frühen Kino fand eine theoretische Aufwertung des „Kinos der Attraktionen“ statt, wobei die sinnliche Erfahrung im Kino höher geschätzt wurde als die formale Struktur und Narration des Films, die in früheren filmtheoretischen Bewegungen, etwa der kritischen Theorie oder dem Neoformalismus, im Zentrum der Kritik standen.

In Grönings Film erklärt der „Idiot“ Robert die philosophischen Gedankengänge, die zur Verlagerung von Zeit und Ontologie in die Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozesse führen. Seine Schwester Elena nimmt ihn beim Wort. Die echte Pistole, mit der sie gerade jemanden erschossen hat, ist gar nicht echt, sagt sie. Solange die beiden das so wahrnehmen, funktioniert das auch, wenngleich sie die Welt damit in Schutt und Asche legen. Dass Elena, die faule Streberin, das Abitur mit Bestnote bestehen wird, ist keine Frage. MEIN BRUDER HEISST ROBERT UND IST EIN IDIOT ist radikal sinnlich inszeniert, radikal frei erzählt und legt den Finger präzise in intellektuelle Wunden. Es geht auch darum, wie man zugleich oberschlau und total bescheuert sein kann. Es geht darum, einen anderen Film zu machen, der nicht alle völlig unterfordert und ihnen nur das erzählt, was sie schon zu wissen glauben. Viele werden diesen Film hassen, ihn für elitär, prätentiös und langweilig halten. Aber wer sich einlässt, kann in und mit Grönings Film eine Menge Spaß haben. Zur Not kann man immer noch darauf wetten, wer wann zuerst den Saal verlässt.

Tom Dorow

Details

Deutschland/Frakreich/Schweiz 2018, 174 min
Genre: Drama
Regie: Philip Gröning
Drehbuch: Philip Gröning, Sabine Timoteo
Kamera: Philip Gröning
Schnitt: Philip Gröning, Hannes Bruun
Verleih: W-Film
Darsteller: Josef Mattes, Julia Zange, Urs Jucker, Stefan Konarske
Kinostart: 22.11.2018

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