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May, die dritte Frau

Zwang und Begehren

Vietnam, irgendwann im vorletzten Jahrhundert. Kaum in der Pubertät reist May in ein abgelegenes Dorf, um mit einem älteren Mann verheiratet zu werden, dem Nachkommen eines wohlhabenden Seidenplantagenbesitzers.

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Eine Überfahrt ins Unbekannte: So beginnt das Filmdebüt MAY von Ash Mayfair, in traumähnlichen Aufnahmen eines ländliches Vietnams, irgendwann im vorletzten Jahrhundert. Die Titelheldin May scheint gerade erst an der Schwelle der Pubertät und reist in ein abgelegenes Dorf, um mit einem älteren Mann verheiratet zu werden, dem Nachkommen eines wohlhabenden Seidenplantagenbesitzers. Der Ehemann bleibt bis auf einige nächtliche Begegnungen jedoch im Hintergrund; mit seinen anderen Ehefrauen verbindet May dagegen bald Momente von zärtlicher Intimität. Gleich zu Beginn führen die zwei Frauen May in die Kunst der Berührung ein, den Tanz mit sich selbst. Im Kontrast zu diesen Szenen im abendlichen Zwielicht und Laternenschimmer steht das Dorf in all seiner farbenfrohen Herrlichkeit – und aber auch mit all seinen Regeln, Bräuchen und herrschaftlichen Strukturen.
Mayfair zeichnet ein Patriarchat, das sich an ihre eigene Familiengeschichte anlehnt: Ihre eigene Urgroßmutter wurde mit 14 in eine polygame Ehe zwangsverheiratet und sie wuchs mit deren Geschichte auf. In dieser Welt gibt es Zwangsheirat und die Pflicht, männliche Nachkommen zu zeugen; doch auch in die täuschende Idylle des abgeschiedenen Dorf bahnt sich Begehren - und nicht nur die Frauen werden dafür bestraft. Die Rolle des Patriachats scheint bis zum Schluss unumstößlich, das zu romantisieren macht sich der Film nicht zur Aufgabe. Im Gegenteil kommt mit der zeitlosen Filmausstattung die Frage auf, ob diese Geschichte sich nicht auch heute noch genauso ereignen könnte, und welche Rolle Rituale und Religion dabei spielen. Der feine Unterschied bei Mayfair liegt in den schwindelerregenden Nahaufnahmen der Seidenplantage mit ihren sich verpuppenden Raupen und den zart gewebten Stoffen (die für eine puristische, geradezu moderne Kostümausstattung sorgen): Die Sinnlichkeit, die den Film durchdringt, radiert jeden Aufklärungscharakter und macht May zu einer zart beflügelten Erkundung sexuellen Erwachens.

Anna Hantelmann

Details

Originaltitel: The Third Wife
Vietnam 2018, 96 min
Sprache: Vietnamesisch
Genre: Drama
Regie: Ash Mayfair
Drehbuch: Ash Mayfair
Kamera: Chananun Chotrungroj
Schnitt: Julie Beziau
Musik: Ton That An
Verleih: jip Film & Verleih
Darsteller: Le Vu Long, Tran Nu Yen Khe, Mai Thu Huong Maya, Nguyen Phuong Tra My
Kinostart: 27.05.2021

Vorführungen

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