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Maps to the Stars

Boulevard der Durchgeknallten

Agatha Weiss nimmt nach ihrer Entlassung aus einer psychiatrischen Klinik nach L.A. einen Job als Assistentin der Schauspielerin Havanna an. Havanna kämpft darum, in einem Remake die Rolle spielen zu dürfen, die ihre Mutter einst berühmt machte.

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Die alternde Schauspielerin Havana Segrand sieht sich einen Film ihrer ungleich berühmteren Mutter Clarice Taggart an. Es ist eine Liebesszene, aber der Text, den Clarice spricht, stammt aus einem Gedicht des französischen Surrealisten Paul Elouard:
„Auf meine Schulhefte
Auf mein Pult und die Bäume
Auf den Sand auf den Schnee
Schreib ich deinen Namen
(…)
Auf jeden sich schenkenden Leib
Auf die Stirn meiner Freunde
Auf jede gereichte Hand
Schreib ich deinen Namen“.

Erst am Ende des Films, nachdem das Gedicht von verschiedenen Personen wiederholt wurde, wird der Name enthüllt: Freiheit.

MAPS TO THE STARS wirkt selbst ein wenig wie ein Befreiungsschlag von David Cronenberg, der mit COSMOPOLIS zuletzt eine extrem bissige Satire auf den Finanzkapitalismus abgeliefert hatte, die an den Kinokassen aber ähnlich floppte wie die Aktie der Lehmann Brothers in der Finanzkrise (Budget 20 Mio. $, Einnahmen in den USA: 740.000 $). Cronenbergs nur mäßig gelungenem Freud vs. Jung-Drama A DANGEROUS METHOD erging es nicht wesentlich besser. MAPS TO THE STARS tritt nun so infernalisch unterhaltsam und zugleich bösartig vergiftet auf, als hätte sich Cronenberg vorgenommen, sämtliche lang geschmiedeten Waffen in die Waagschale zu werfen, und einen der furiosesten Filme über Hollywood zu drehen, den die Welt je gesehen hat. Cronenberg bezeichnet seinen Film als eine Art „postmodernen Boulevard der Dämmerung“ und außer Billy Wilders SUNSET BOULEVARD und David Lynchs MULHOLLAND DRIVE hält auch tatsächlich wenig mit diesem Feuerwerk der abgründigen Bosheit mit.
In etwa geschieht folgendes: Havana Segrand (Julianne Moore) will unbedingt im Remake des Films die Hauptrolle spielen, der einst ihre Mutter zur Legende machte. Der Geist ihrer Mutter verspottet sie dafür gelegentlich am Pool. Ihre Neurosen – und natürlich den Geist – will sie sich vom Körpertherapie- Guru und Fernsehpsychologen Stafford Weiss (John Cusack) exorzieren lassen. Dessen Frau Christina managet den 12-jährigen Sohn Benjie (Evan Bird), einen Kinderstar, der mit der Fernsehserie „Bad Babysitter“ berühmt wurde, nun aber bereits eine Drogenkarriere und einen Entzug hinter sich hat, und nur unter Vorbehalt eine neue Rolle erhält, bei der er obendrein bald von einem noch jüngeren Kinderstar aus dem Rampenlicht verdrängt zu werden droht. Nun taucht auch noch Agatha (Mia Wasikowska) in Los Angeles auf, die Tochter der Familie Weiss, die einige Jahre in der Psychiatrie verbracht hat, weil sie den Familiensitz angezündet hatte. Agatha heuert ausgerechnet bei der hysterischen und vollkommen skrupellosen Havana Segrand als „personal assistant“ an, also als eine Mischung aus Kammerzofe und Prügelknabe. Außerdem sucht sie die Nähe zu Benjie, der mittlerweile ebenfalls von einem Geist verfolgt wird. Der Gedanke, dass hier irgendetwas gut ausgehen könnte, kommt gar nicht erst auf. Die Spannung entsteht aus den Wendungen und Enthüllungen, die von einer bizarren Katastrophe zur nächsten führen.
Der Olymp der Stars ist prall gefüllt mit totaler Durchgeknallheit von mythischen Dimensionen, die Cronenberg mit diabolischem Vergnügen ausspielen lässt. Julianne Moore schenkt sich wieder einmal nichts in ihrem Portrait der verlogenen Giftspritze Havana, die lieblich lächelnd über Leichen geht, immer mit dem Gestus totaler Schnöseligkeit, die Anspruch auf absolute Liebe und höchste Ehrungen erhebt. Evan Bird versieht den fiesen, einsamen und abgrundtief verdorbenen kleinen Star mit einer so wundervollen Mischung aus Gemeinheit und Verzweiflung, dass man ihn beinahe schon wieder ein bisschen lieb haben könnte, wenn er nicht so ein Kotzbrocken wäre. John Cusack ist die personifizierte Widerlichkeit esoterischer Selbsthilfegurus und Mia Wasikowska gibt einmal mehr das scheinbar nette, leicht verstrahlte Mädchen, deren dunkle Seite sich erst allmählich enthüllt.
MAPS TO THE STARS ist nicht Cronenbergs substantiellster Film, aber einen so amüsanten, furiosen und bösen Spaß muss man auch erst mal hinbekommen.

Tom Dorow

Details

Deutschland/Kanada/Frankreich/USA 2014, 111 min
Sprache: Englisch
Genre: Drama
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Bruce Wagner
Kamera: Peter Suschitzky
Schnitt: Ronald Sanders
Musik: Howard Shore
Verleih: MFA+ FilmDistribution
Darsteller: John Cusack, Julianne Moore, Olivia Williams, Robert Pattinson, Mia Wasikowska, Sarah Gadon
FSK: 16
Kinostart: 11.09.2014

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