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Love & Mercy

Überzeugende Brian Wilson-Biographie

Aus seiner Feder stammen Welt-Hits wie "Good Vibrations": Brian Wilson, Chorknabe aus Kalifornien, stürmte in den 60er Jahren mit den Beach Boys weltweit die Musikcharts. Doch der kometenhafte Aufstieg hat seinen Preis.

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„Like a cry, but in a good way…“ murmelt Brian Wilson (Paul Dano) spielt ein paar Takte aus seinem Song „Surf’s up“, raucht und sagt: „Manchmal habe ich Angst vor dem, woher die Musik kommt“. Dann hebt ein unglaublich harmonisches Dröhnen an, das aus den Sounds von Beach Boys Songs, vor allem aus den „Smile“-Sessions komponiert ist. Die Leinwand ist lange schwarz während der Soundmix in der Zeit zurückwandert zu früheren Beach Boys Sounds. Während der Filmtitel zeigt eine rasante Montage die ersten Jahre der Band bis 1964. Aber in LOVE & MERCY, dem neuen Biopic über Brian Wilson, das kreative Genie hinter den Beach Boys, geht es nicht um die frühen Surf- und Gute-Laune-Songs der Band. Bill Pohlad, der bisher als Produzent von Filmen wie BROKEBACK MOUNTAIN, TREE OF LIFE und 12 YEARS A SLAVE in Erscheinung getreten ist, erzählt parallel von zwei entscheidenden Episoden aus Wilsons Leben. In der einen geht es um den Höhepunkt von Wilsons künstlerischen Schaffens mit der Produktion des „Pet Sounds“-Albums, der Taschensymphonie „Good Vibrations“ und den Sessions zur über 40 Jahre lang unveröffentlichten Platte „Smile“, nach denen Wilson einen Nervenzusammenbruch erlitt und jahrzehntelang sein Bett kaum verließ. Die zweite Episode erzählt davon, wie die Autoverkäuferin Melinda Ledbetter Wilson kennenlernt, und ihn aus den Fängen seines manipulativen Arztes und Vormunds Eugen Landy befreit, der bei ihm paranoide Schizophrenie diagnostiziert hat, ihn mit hohen Dosen von Psychopharmaka ständig benebelt hält und Wilson bewachen lässt. Den jungen Brian Wilson spielt Paul Dano als leicht pummeliges, zerbrechliches Genie, in dessen Welt sich plötzlich Angstattacken einschleichen und der von allen Seiten Gegenwind erfährt, als er den Bandsound vom schlichten Rock’n’Roll in immer komplexere Formen überführt.
“That´s not a love song, that´s a suicide note“, sagt Brian Wilsons Vater Murry, nachdem Brian ihm sein neues Stück “God only knows” vorgespielt hat.

“If you should ever leave me
Though life would still go on believe me
The world could show nothing to me
So what good would living do me”

Murry hat nicht unrecht. „God only knows“ ist zwar ein Liebeslied, aber es steht gefährlich auf der Kippe zur Selbstmorddrohung eines Stalkers. Alle Songs auf der Beach Boys LP “Pet Sounds”, haben einen gefährlichen Unterton. Brians Cousin Mike Love sieht das ähnlich: „All the songs are sad! Even the happy songs are sad!” und auch das stimmt. “God only knows” eröffnet die zweite Seite der LP, auf der es gar keine “happy songs” mehr gibt, aber schon der erste Song auf „Pet Sounds“ erzählt nur scheinbar von jugendlicher Hoffnung und Vorfreude auf ein glückliches Liebesleben:

„Wouldn't it be nice if we were older
Then we wouldn't have to wait so long
And wouldn't it be nice to live together
In the kind of world where we belong”

Da scheint ein Teenager davon zu erzählen, wie schön ein Liebesleben als Erwachsener wäre, wenn es die ganzen ärgerlichen Eltern-Regeln nicht mehr gibt. Aber zugleich gibt es das Bewusstsein, nicht in diese Welt zu gehören, und wie lange man warten muss, bis endlich alles gut ist, ist auch völlig unklar. Beschworen wird ein endloses Glück, aber im Bewusstsein, das es immer schon verloren ist. „Pet Sounds“, mit seinen irrwitzigen Harmonien, die plötzlich von Fahrradklingeln und Hundegebell unterbrochen werden wie von Weckrufen bis zuletzt nur noch das Geräusch eines abfahrenden Zuges übrig bleibt, ist der völlig geglückte Versuch, alle Sentimentalität radikal an den Rand zu führen, und dann umzukehren und nüchtern auf die Katastrophe zu blicken:

“You know it seems the more we talk about it
It only makes it worse to live without it
But let’s talk about it
Wouldn't it be nice”

Die Musik erzählt währenddessen von einer traumhaften, zerbrechlichen Harmonie, von einem Glücksmoment am Rand des Zusammenbruchs. Das „Weinen, aber auf gute Weise“, das Wilson ganz am Anfang des Films erträumt, findet sich dann tatsächlich auch auf der „Pet Sounds“-LP, am Schluss des Songs „You still believe in me“. Im Song geht es um jemanden, der sich als völlige Enttäuschung empfindet, und sich für das Vertrauen seines Gegenübers bedankt, obwohl er das in sich selbst schon verloren zu haben scheint. Der riskanteste Akkordwechsel liegt über dem Wort „fail“ in der Zeile „Sometimes I fail myself“. Aber am Ende singt Brian Wilson zunächst allein „I wanna cry“ über vier Takte. Wortlos summend wird die Melodie (vermutlich von seinem Bruder Carl) aufgenommen. Dann harmonisiert die ganze Band a capella dazu in einem der grandiosesten Bögen, den die Beach Boys überhaupt je hingelegt haben. Eine kurze dramatische Pause, in der der Bass kurz Luft holt, dann brechen alle Dämme und das gesamte Orchester setzt noch einmal ein, wie ein gewaltiges Schluchzen, das ein Triumph ist, nur um auf einmal von einer altmodischen Hupe ironisch unterbrochen zu werden. „ Like a cry, but in a good way.“

Bill Pohlad gelingt es die Stimmung zerbrechlicher, ständig bedrohter, melancholischer Verträumtheit, und des gleichzeitigen triumphalen Optimismus einzufangen, der diese Aufnahmen bestimmt. Er inszeniert die psychedelische Zeit um 1965 in strahlenden, leuchtend warmen Tönen. Die Szenen, in denen Wilson im einem winzigen Studio die gedrängt sitzende Wrecking Crew dirigiert, die damals berühmteste Studioband der Westküste, die an 40.000 Aufnahmen beteiligt waren, könnten beengt wirken, aber Pohlad zeigt das Studio in als einen intimen Raum, der sich innerlich zu weiten scheint, wenn er aus immer mehr Perspektiven gefilmt wird. Ein größeres Studio, das an eine Fabrikhalle erinnert, will Brian Wilson nicht, weil die „Vibrations“ nicht stimmen. Intimität und Nähe sind wichtig. In den Achtzigern wirken die Oberflächen kalt und abweisend, alles ist bläulich-weiß oder pastellfarben, eine Hölle aus Sauberkeit und brüllender Ruhe, in der Wilson vor sich hin dämmert, bevor Ledbetter ihm wieder ins Leben hilft.
LOVE & MERCY ist ein perfekter Fan-Film, ob er Leuten, die mit den Beach Boys bestenfalls „Fun, Fun, Fun“ verbinden, gefällt, kann ich nicht sagen. Paul Dano ist großartig, John Cusack ebenfalls, Elisabeth Banks schafft es, die Anziehung zwischen der wettergestählten Autverkäuferin und dem ziemlich verpeilten, hypersensiblen Musiker mit dem unschuldig-schrägen Humor glaubhaft werden zu lassen, aber die eigentlichen Helden sind Atticus Ross, der den Soundtrack erschaffen hat und der Soundmixer Edward Tise. Ihre überwältigenden Toncollagen machen spürbar, wie es sein muss, zuviel Musik im Kopf zu haben, und lassen zugleich davon träumen, was passieren würde, wenn der junge Brian Wilson mit den heutigen technischen Möglichkeiten vertraut gewesen wäre.

Tom Dorow

Details

USA 2014, 120 min
Genre: Biografie, Drama, Musikfilm
Regie: Bill Pohlad
Drehbuch: Oren Moverman, Michael A. Lerner
Kamera: Robert Yeoman
Schnitt: Dino Jonsäter
Musik: Atticus Ross
Verleih: Studiocanal
Darsteller: John Cusack, Paul Giamatti, Paul Dano, Elizabeth Banks, Jake Abel
FSK: 6
Kinostart: 11.06.2015

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