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La Cocina (2024)

(Festivalkritik): Alonso Ruizpalacios‘ Film basiert lose auf einem Theaterstück von Arnold Wesker aus den 1950er Jahren und kultiviert selbst seine Theaterhaftigkeit. Das Studioset, das ein New Yorker Touristenrestaurant am Times Square namens ...

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(Festivalkritik): Alonso Ruizpalacios‘ Film basiert lose auf einem Theaterstück von Arnold Wesker aus den 1950er Jahren und kultiviert selbst seine Theaterhaftigkeit. Das Studioset, das ein New Yorker Touristenrestaurant am Times Square namens „The Grill“, darstellt, ist einerseits ein verwinkeltes Labyrinth, das an Kafkas „Der Prozess“ erinnert, andererseits große Bühne - vor allem die riesige Küche mit den Arbeitsstationen, an denen Köche und (ein paar) Köchinnen aus aller Welt schuften, und das Lokal, in dem die Kellnerinnen in ihren gestreiften Kleidchen eine exakte Choreografie aufführen. Estela (Anna Diaz), mexikanische Immigrantin ohne Papiere, führt in diese Welt. Sie sucht nach Pedro und erhält einen Job, der sie in die Küche führt. Hier arbeitet auch Pedro (Raúl Briones Carmona), der aus ihrem Heimatdorf kommt, und sich als der gemarterte Antiheld der Story entpuppt. Er ist lebhaft, aggressiv und auf Kante genäht, vor allem seit die Kellnerin Julia (Rooney Mara) ein Kind von ihm erwartet und abtreiben möchte. Schlimmer noch, aus der Kasse ist Geld verschwunden, der Verdacht fällt auf Pedro - und die Legalisierung seines Status‘, die der Chef wie eine Karotte vor seiner Nase baumeln ließ, rückt damit in unerreichbare Ferne.

LA COCINA ist dabei weniger ein Film, der eine Geschichte erzählt, als eine Aneinanderreihung von „Set Pieces“, die jeweils für sich als eine Art Tanz der filmischen Mittel und der Figuren inszeniert sind. Im Intro hantiert Ruizpalacios mit Chören, Zeitlupe, Stop-Motion, Unschärfen und freischwebenden Zitaten, die aus dem Off aber auch von dem Typen stammen könnten, den Estela in der U-Bahn trifft. Der erste Dialog von Julia und Pedro ist um ein Hummer-Aquarium herum choreografiert, als Tanz zweier Lohnabhängiger um das perverse, noch lebendige Luxusessen. Später wird Pedro, der immer wieder, wie eine Art Jesus mit Anger-Management-Problemen, den kapitalistischen Status Quo im Betrieb in Frage stellt, einem Obdachlosen jenen Hummer servieren und darüber fast den Job verlieren. Ein Geplänkel in der Küche wird sich zu einer Kakophonie aus internationalen Schimpfwörtern steigern, und ein kaputter Cola-Automat die ohnehin fragile Küchenroutine ins totale, selbstverständlich ebenfalls choreografierte Chaos stürzen. Zunächst hat das Drive, machen die formellen Experimente neugierig, aber umso länger der 2 ½-stündige Film dauert, umso mehr vermisst man eigenständige Charaktere, die sich entwickeln, und die Präzision in der Erzählung, die Kino möglich macht.

Der Film agiert durchweg in einer Tonlage: Agit-Prop. Alles ist symbolisch und beispielhaft, das Küchenteam besteht aus einer Ansammlung von migrantischen Arbeiter*innen, die nie mehr werden als das: migrantische Arbeiter*innen. Auch die Hauptpersonen kommen über eine grobe Skizzierung nie heraus. Das ist natürlich Absicht, es geht ums Allgemeine, ums System, um Hierarchien, und um die Frage, was mensch in einer von Profit und Imperialismus regierten Welt überhaupt träumen und wollen kann, darum, dass die Individualität in diesen Verhältnissen gar keine Rolle spielt. Und dennoch stellt Kino fast automatisch eine Intimität und Konkretheit her, mit der LA COCINA leider nichts anzufangen weiß. Während Julia und Pedro am Aquarium ihr Beziehungsgespräch führen, drückt Pedro seine Nase an die frisch geputzte Scheibe. Julia protestiert – sie hat dort nämlich gerade sauber gemacht – aber das ist nicht nur Pedro egal, dem Film offenbar auch. Wichtiger als die konkrete Situation scheint im Zweifel immer die Bildidee – in diesem Fall Pedros originell verzerrtes Gesicht an der Scheibe.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: La Cocina
MEX/USA 2024, 139 min
Sprache: Spanisch, Englisch
Regie: Alonso Ruizpalacios
Drehbuch: Alonso Ruizpalacios
Darsteller: Raul Briones Carmona, Rooney Mara, Anna Diaz

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