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Der Prinz und der Dybbuk

Fährten und Schlaglichter

Eine filmische Fährtensuche auf den Spuren von Michał Waszyński, der als er noch Moshe Waks hieß, 1937 den jüdisch-polnischen Filmklassiker DER DYBBUK drehte, und nach dem Krieg zum polnischen Prinzen mutierte, der in Spanien und Italien weiter Filme produzierte, darunter den Monumentalschinken DER UNTERGANG DES RÖMISCHEN REICHS.

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Ein Pressebild zum Film DER PRINZ UND DER DYBBUK führt in die Irre. Es ist schwarz-weiß und zeigt die italienische Star-Schauspielerin Sophia Loren zwischen zwei unbekannten Männern. Rechts im Bild ist Michał Waszyński, ein polnischer Regisseur und Produzent, um dessen Identität und Vergangenheit sich der Film dreht. Mit der italienischen Fährte, die nur eine von vielen ist, beginnt der Film. In Rom, so sehen wir es in einem alten Nachrichtenbericht, wird ein angeblich adliger Hollywoodproduzent öffentlich und im Beisein der Massen zu Grabe getragen. Ein kurzer Ausschnitt aus dem Kolossalschinken DER UNTERGANG DES RÖMISCHEN REICHES von 1964 (Regie: Anthony Mann) wird eingeblendet. Dann befinden wir uns im Heute, heften uns an die Fersen eines von zahlreichen Wegbegleitern von Michał Waszyński und suchen gemeinsam zwischen Mausoleen auf einem römischen Friedhof sein Grab.

Kein Pressebild zum Film DER PRINZ UND DER DYBBUK kann stellvertretend für diesen Film oder diesen Menschen stehen, das merken wir schnell, und es ist ein großer Verdienst des Regieduos Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski, dass sie bei ihrer dokumentarischen Detektivsuche mit Fährten und Schlaglichtern arbeiten und eine Vielzahl von filmischen Formen ohne all-erklärenden Kommentar zu einem traumwandlerischen Essay zusammenfließen lassen. Ein Alptraum für jeden Fernsehredakteur ist dieser Film, der frech zwischen Zeiten und Wahrheiten springt, zwischen Schauplätzen, Sprachen und filmischem Ausgangsmaterial. Endlich mal wieder Kino, atmet hingegen das cinephile Herz auf, das andauernd auf deutschen Leinwänden Fernsehen gucken muss. Hier wird kein Mensch zu Tode erklärt von spießig vor der Kamera drappierten Zeitzeugen. Stattdessen gibt es Bilder, Hypothesen und viele offene Fragen.

Aber zurück auf Los: Michał Waszyński hieß eigentlich Moshe Waks, wurde 1904 in der heutigen Ukraine geboren, machte Filme. Allein ein Dutzend davon machte er in Polen, war gefeiert, war Jude, machte einen Film mit dem Titel DER DYBBUK. Das war 1937. Die Sprache des Filmes ist Jiddisch, es geht um eine jüdische Geistergeschichte und es gibt, das deuten eingespielte Ausschnitte an, einen homoerotischen Subtext. Aber war Waks, Verzeihung: Waszyński, nicht mit einer alten, französischen Gräfin verheiratet, deren Vermögen er erbte? War er nun offen schwul oder war es später deshalb nicht, weil dieses Wort damals noch keinen emanzipativen Beigeschmack haben konnte? Oder weil er zum Katholizismus konvertierte? Angeblich?

Als Teil der polnischen Streitkräfte in der Sowjetunion machte Michał Waszyński bis 1945 weiter Filme. Danach ging er nach Italien, machte weiter Filme. In den 1950ern produzierte er in Spanien und Italien Filme. DER UNTERGANG DES RÖMISCHEN REICHES ist wohl der Aufwendigste und Bekannteste unter ihnen. DER PRINZ UND DER DYBBUK kommt in einem spannenden Exkurs auf die Dreharbeiten zurück, erinnert sich mit Hilfe von Komparsen und Kollegen an die Bauten und die Drehorte, sucht nach Spuren. Daneben fahren wir die Côte-d'Azur entlang, sitzen im Wohnzimmer der Familie Waks in Israel oder mit alten Frauen in Kowel, in der heutigen Ukraine, auf Parkbänken und beobachten sie bei ihren Spekulationen über die Herkunft eines Mannes, der sie von einem alten Foto aus ansieht.

Es muss eine erschlagende Menge an Materialien gewesen sein und eine Vielzahl an filmischen Möglichkeiten, die sich Niewiera und Rosołowski bei ihrem ungewöhnlichen Porträtfilm geboten haben. Dass die beiden der Versuchung nicht erliegen, die Fäden der Mutmaßungen auf eine einfache Biografie zu beschränken, ist ihr größter Verdienst, wenngleich man stellenweise gerne noch weiter gebohrt hätte. Dass DER PRINZ UND DER DYBBUK aber statt einer sachlichen Beweisführung eine sinnliche filmische Form in den Vordergrund stellt, bei der oft nicht ganz klar ist, wessen Bilder gerade mit wessen Stimmen zu einem schönen Rätsel zusammengesetzt werden, macht den Film so wunderbar außergewöhnlich.

Toby Ashraf

Details

Originaltitel: Ksiaze i dybuk
Polen/Deutschland 2017, 82 min
Sprache: Englisch, Italienisch, Polnisch
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Elwira Niewiera, Piotr Rosolowski
Drehbuch: Elwira Niewiera, Piotr Rosolowski
Kamera: Piotr Rosolowski
Schnitt: Andrzej Dąbrowski
Musik: Maciej Cieślak
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 07.06.2018

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