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Kaum öffne ich die Augen

Coming-of-Age im arabischen Frühling

Tunesien 2010, es brodelt im Land. Farah ist 18 und wartet auf ihre Studienzulassung. Als Sängerin in einer lokalen Band ist sie nicht nur mit den traditionellen gesellschaftlichen Restriktionen von Frauen konfrontiert, sondern gerät aufgrund ihrer öffentlichen Auftritte in den Fokus der Behörden.

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Farah ist 18, hat die Schule gerade erfolgreich abgeschlossen und wartet nun auf ihre Studienzulassung. Als Sängerin in einer lokalen Band mit ebenso lyrischen wie politisch-provokativen Texten, steht es für sie außer Frage, dass sie Musik studieren will, auch wenn ihre Familie sie lieber als angehende Ärztin sehen würde. Während sie die Wartezeit mit proben, feiern und einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung zum Bandkollegen Bohrène verbringt, gerät sie immer häufiger mit ihrer Mutter (Sängerin Ghalia Benali) und deren Erwartungen aneinander. So weit, so normal: Tanzen, trinken, lieben und das Rebellieren gegen einengende Grenzen sind schließlich ein selbstverständlicher Teil im Abnabelungsprozess eines Teenagers auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Doch Farah lebt in der Realität des tunesischen Sommers von 2010. Es brodelt im Land, nur noch wenige Monate, bevor sich die Unzufriedenheit in der Revolution entladen wird, die den „arabischen Frühling“ einleitet. Die Sängerin sieht sich nicht nur mit den traditionellen gesellschaftlichen Restriktionen von Frauen konfrontiert, sondern gerät aufgrund ihrer öffentlichen Auftritte und Texte auch noch in den Fokus der Behörden. Das Regiedebüt von Leyla Bouzid lässt den staatlichen Unterdrückungsapparat im Film lange Zeit nur als virtuelle Bedrohung erahnen. Die Kamera ist immer ganz dicht bei den Protagonisten, die wir oft in Großaufnahmen oder halbnahen Einstellungen sehen, in den Bildausschnitten ist wenig von der Umgebung zu sehen. Dadurch entsteht eine intime Nähe, man hat aber auch das Gefühl, eingeengt zu sein und dass da etwas „ausgeblendet“ wird. Diese Differenz zwischen Gezeigtem und Nicht-Gezeigtem lässt von Anfang an die Bedrohung erahnen, ohne dass sie wirklich greifbar wäre oder ausgesprochen wird. Erst im letzten Drittel wird der Schein der gesellschaftlichen Normalität endgültig gebrochen.

Jens Mayer

Details

Originaltitel: À peine j'ouvre les yeux
Frankreich/Belgien/Tunesien 2015, 102 min
Sprache: Arabisch
Genre: Drama
Regie: Leyla Bouzid
Drehbuch: Leyla Bouzid, Marie-Sophie Chambon
Kamera: Sébastien Goepfert
Schnitt: Lilian Corbeille
Musik: Khyam Allami
Verleih: Kairos
Darsteller: Baya Medhaffer, Ghalia Benali, Montassar Ayari, Lassaad Jamoussi, Aymen Omrani
FSK: 12
Kinostart: 06.10.2016

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